Denkwürdigkeiten aus meinem Leben [microform]
damals 12—13 Jahre zählte, über irgendeinen naturhistori-schen Gegenstand geschrieben hatte, und das gedruckt wurde 2^^). Es kam mir wie eine Zauberei vof, und ich konnte es kaum begreifen, wie man noch fast ein Kind sein und ein Buch schreiben könne. Von nun an betrachtete ich unsern Josef mit einer Art Ehrfurcht. Viel lieber aber unterhielt ich mich mit seinen Jüngern Geschwistern und ihrer gleichgestimmten Gesellschaft, mit der ich denn allmählich, wie es diese Blätter zeigen, aus dem Kindesalter in das jugendliche, beweglichere und bedeutendere getreten war, in dem nun statt heiterer Kinderspiele lebhaftere Empfindungen, ab-wechselnde Hoffnungen und Schmerzen uns beschäf-tigten.
< Es Ist Zeit, nunmehr nach Erzählung vieler kleinen Begebenheiten den Faden der allgemeinen, an dem sich ja das Leben der einzelnen auch mit abspinnt, auf-zufassen, da jene Ereignisse doch nie ohne Einwirkung auf deren Schicksal bleiben können.
Als Kaiser Josef gestorben war, hofften viele mit Grund ungemein viel Gutes von seinem Nachfolger und Bruder Leopold IL Es- war nicht bloß jenes un-bestimmte Hoffen auf einen Wechsel, auf ein Anders-werden so mancher Dinge, die im Laufe der Zeit drückend geworden waren, es waren bestimmte und gerechte Erwartungen von dem Herrscher, der sein kleines Toskana zu einem der bestgeordneten, glück-
lichsten Staaten gemacht und den Namen des Weisen mit Recht erworben hatte.
In unserm Hause sah man seiner Thronbesteigung mit großer Freude und lebhaftem Anteil entgegen. Mein Gemüt wurde durch alles, was ich über Kaiser Josef hatte sprechen hören, was ich selbst gedacht und gefühlt hatte, durch die Begriffe der Zeit endlich, welche jeden Tadel der bestehenden Regierungen be-günstigten, ebenfalls auf eine Weise angeregt, daß ich mir von dem kommenden Herrscher unendlich viel Gutes versprach, und da meine Seele sich bei vieler Liberalität meiner politischen Gesinnungen (welche ich fast mit allen jungen Leuten teilte) stets mit innerem Widerwillen von den gar zu freien und nüchternen religiösen sowohl als moralischen Grundsätzen ab-gewendet hatte, die mit jenen meist Hand in Hand gingen, so hoffte ich denn von Kaiser Leopolds Fami-lientugenden, von seiner Achtung für häusliches Glück, das er auf fast bürgerliche Weise in Florenz genossen hatte, Wiederherstellung der alten guten Zeit, ver-mehrte Sittlichkeit, Achtung für Religion usw., und feierte seine Ankunft mit einem herzlich gemeinten Ge-dichte, worin ich jene Ansichten aussprach2^').
Doch die Zeit für eine solche Verbesserung war da-mals noch nicht gekommen. Schwere Regentensorgen empfingen den neuen Monarchen. Die Erbländer waren in furchtbarer Aufregung, aus Frankreich drohte die Revolution sich herüber nach Deutschland zu verbrei-ten. So viel nahe Gefahren mochten den Kaiser er-schreckt haben. Er eilte, den Türkenkrieg nach so vielen glänzenden Siegen und gerechten Hoffnungen durch einen, vielleicht übereilten Frieden zu schließen, der Osterreich wenig oder gar keine Vorteile von dem
Josef Anton Gall
Monsorno ad vivum, C. Pfeiffer sc. k. k. Fidei-Commiß-Bibliothek, Wien
ließ, was es durch Anstrengung und Tapferkeit erwor-ben ^^^. Belgrad, Orsova usw. wurde abgetreten, der greise Held London starb gleich darauf 2^^), und es ist nicht unwahrscheinlich, daß der Gram über diesen Friedensschluß, der nicht allein die Frucht aller seiner frühern Kämpfe dahin gab, sondern ihn auch um die neuen Lorbeern betrog, welche zu erkämpfen er bereits den Feldzug wieder begonnen und sich ins Lager be-geben hatte, seinen Tod herbeigeführt hatte. Genug, der Friede ward geschlossen, Preußen erwies sich wie früher immer aufs feindseligste gegen Österreich, und Kaiser Leopold wandte nun seine Sorgen auf die Koali-tion, welche denn auch zu Pillnitz zwischen den großen Mächten Europas und den französischen emigrierten Prinzen zustande kam 2''°). Ihr Zweck war, die Greuel der Revolution zu hemmen, das Haus des Königs auf dem Throne zu erhalten und die Fortschritte der neuen Ideep auch in Deutschland soviel wie möglich zu unterdr^ken. Eingeleitet waren diese Pläne; die Ruhe iin Innern war ziemlich hergestellt, manches Drückende, aber auch dort und da etwas Gutes auf-gehoben oder verändert. Noch wußte man nicht recht, wessen man sich zu dem neuen Herrscher zu versehen habe, als auch ihn ein frühzeitiger und schneller Tod plötzlich äbrief^"^), und der Staat, noch stets in un-ruhiger Bewegung von innen und
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