Der Abschiedsstein: Das Geheimnis Der Grossen Schwerter 2
geholt.
Wild paddelnd öffnete er die Augen. Durch das Flusswasser sickerte Sonnenlicht und drang durch Schwaden dahinschwebenden Schlicks wie durch Wolken. Tiamak warf einen raschen Blick hinauf nach der rechteckigen Dunkelheit, die der Boden seines Bootes war, und sah ein glitzerndes Gebilde dort oben hängen. Trotz seiner wilden, herzflatternden Panik empfand er eine Sekunde lang Befriedigung über die Größe des Fischs, der da schlaff am Ende der Schnur hing. Sogar sein Vater Tugumak hätte zugeben müssen, dass es ein herrlicher Fang war.
Als er nach oben schwamm und nach seiner Beute greifen wollte, schoss das schimmernde Wesen unter dem Boden des Bootes weg und schlüpfte am anderen Ende des Kahns außer Sicht, so weit hinauf, dass Tiamak es nicht mehr sehen konnte. Die Leine zog sich eng um den hölzernen Rumpf. Wild versuchte der Wranna, sie zu packen, aber sie spannte sich so dicht um das Boot, dass seine Finger keinen Halt fanden. Vor Schreck musste er ein bisschen husten. Luftblasen stiegen tanzend auf. Schnell, er musste sich beeilen! Das Krokodil konnte gleich da sein!
In der wässrigen Stille seiner Ohren dröhnte sein Herzschlag. Die tastenden Finger bekamen die Leine nicht zu fassen. Der Fisch blieb unsichtbar und unerreichbar, als sei er hartnäckig entschlossen, hier nicht als Einziger zu leiden. Panik machte Tiamak ungeschickt. Schließlich gab er auf, stieß sich vom Bootsboden ab und trat Wasser, um an die Oberfläche zu kommen. Der Fisch war verloren. Nun musste er sich selber retten.
Zu spät!
Etwas Dunkles glitt an ihm vorbei und nach oben, schwamm imSchatten seines Bootes hin und her und wieder darunter vor. Es war nicht das größte Krokodil, das er je gesehen hatte, aber ganz sicher das größte, unter dem er sich in seinem Leben befunden hatte. Sein weißer Bauch zog über ihm dahin, gefolgt vom immer kleiner werdenden Streifen des Schwanzes. Er konnte den Sog spüren, der durch den Schwanz des Krokodils im Wasser ausgelöst wurde.
Sein Atem brannte darauf, aus ihm herauszubrechen und das schlammige Wasser mit Luftbläschen zu sättigen. Tiamak trat Wasser und drehte sich um. Die Augen drohten ihm aus dem Kopf zu quellen, als er die stumpfe Pfeilgestalt des Krokodils herangleiten sah. Seine Kiefer öffneten sich. Rotschattige Dunkelheit und eine unendliche Menge von Zähnen wurden sichtbar, Tiamak wirbelte herum, holte mit dem Arm aus und sah der erschreckend langsamen Bewegung des Messers zu, das er in eine Wand aus Wasser stieß. Das Reptil stieß gegen seine Rippen und schürfte ihm mit der hornigen Haut die Seite auf, während er auszuweichen versuchte. Sein Messer drang flach in die Flanke ein und kratzte einen Augenblick über den Panzer, um dann abzurutschen. Eine dünne braunschwarze Wolke folgte dem Krokodil, das weiterschwamm und von neuem das Boot zu umkreisen begann.
Tiamaks Lungen fühlten sich an, als seien sie in seiner Brust zu unmöglichem Umfang angeschwollen. Sie drückten gegen seine Rippen, bis ihm schwarze Flecke vor den Augen tanzten. Warum hatte er sich so idiotisch benommen? So wollte er nicht sterben, abgesoffen und gefressen!
Noch während er sich an die Oberfläche kämpfte, spürte er an seinem Bein einen zermalmenden Druck. Gleich darauf riss es ihn ruckartig in die Tiefe. Das Messer schwamm ihm aus der Hand. Wild schlug er mit Armen und freiem Bein um sich, während er in die Dunkelheit des Flussgrundes hinuntergezogen wurde. Ein blasiges Rülpsen entrang sich seinen Lippen. Die Gesichter seiner Stammesältesten, Mogahibs und Roahogs des Töpfers und der anderen, boten sich seinem trüben Blick dar, ihre Züge müde und angewidert von seine Torheit.
Die Messerschnur war noch immer um sein Handgelenk geschlungen. Während er immer weiter in die Flussfinsternis hinabstrudelte,suchte er angestrengt nach dem Griff. Seine Hände bekamen ihn zu fassen. Tiamak nahm alle Kraft zusammen, stemmte sich gegen den Sog in die Tiefe und fand die harten, rauhen Kinnladen, die sein Bein festhielten. Mit einer Hand umklammerte er sie, fühlte die krummen Zähne unter seinen Fingern und setzte die Messerspitze an das ledrige Augenlid. Dann stieß er zu. Unter seinen Händen zuckte der Kopf, als das Krokodil sich verkrampfte und fester zubiss. Ein stechender, brennender Schmerz fuhr durch sein Bein senkrecht bis in seine Brust. Aus Tiamaks Mund sprang ein neuer Schwall kostbarer Blasen. Er drückte gegen die Klinge, so hart er konnte. Seine Gedanken waren ein
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