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Der bleiche König: Roman (German Edition)

Der bleiche König: Roman (German Edition)

Titel: Der bleiche König: Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: David Foster Wallace
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sechste Schachtel stand auf dem Ecktischchen, an dem die Psychologin immer Rezepte ausstellte. Dem Büro fehlte das kleine Waschbecken der Allgemeinpraktiker – er hatte sich tagelang für das Waschbecken gewappnet. Als sein Name aufgerufen worden war, hatte Cusk der Psychologin die Hand gegeben und sich auf einen gepolsterten Stuhl gesetzt, auf den die andere Hand der Psychologin gedeutet hatte. Diese hatte ihre Hose an den Knien ein Stück hochgezupft und sich zu Cusk auf die andere Seite eines Beistelltischchens gesetzt, auf dem zwei Kleenex-Schachteln standen. Ihre Hand war groß, warm und weich gewesen. Cusks und ihr Stuhl waren dasselbe Modell – nur ein, vielleicht zwei Stufen unter einem gemütlichen Sessel –, aber wenn er sich das nicht nur einbildete, war ihrer etwas größer als seiner.
    »... vor Spinnen, vor Hunden, vor der Post«, zählte Cusk auf – die Psychologin hörte aufmerksam zu und nickte, machte sich aber keine Notizen, was Cusk erleichterte –, »vor Spiralnotizbüchern, also dieser Sorte mit einem Rücken aus Drahtspiralen; Angst vor Füllfederhaltern – aber nicht vor Filzstiften oder Kugelschreibern, oder nur teuren mit langlebigen Kugeln – Cross, Montblanc, die wie aus Gold aussehen –, aber nicht vor Plastik- oder Wegwerfkulis.« Als er keine Kleenex-Schachteln mehr zählen konnte, wiederholte Cusk im Kopf immerzu »groß, weich und warm; groß, weich und warm« , immer wieder, ein Wiederkäuergesang knapp unterhalb der Bewusstseinsschwelle.
    »Angst vor Scheiben. Angst vor Abflüssen. Eigentlich Angst vor allen spiralförmigen Flüssigkeitsbewegungen, querbeet.«
    Die Psychologin hatte außergewöhnlich schmale und spärliche Augenbrauen, und wenn sie sie hochzog, hieß das, dass sie ihm nicht ganz folgen –
    »Whirlpools, Strudel, Badewannenabflüsse«, verdeutlichte Cusk. Er hatte einen dünnen Schweißfilm auf der Oberlippe, spürte aber, dass seine Stirn trocken blieb; durchhalten. »Hektisch umgerührte Getränke. Toilettenspülungen.«

§ 41
    »Du hast Cardwell zum Abholen geschickt?«
    »Ja. Warum denn nicht?«
    »Charlie, der hat nicht alle Tassen im Schrank, darum nicht.«
    »Er ist ein guter Fahrer. Er ist zuverlässig.«
    »Er wird dem Mann auf dem ganzen Herweg die Ohren abkauen; der muss doch glauben, die Dienststelle besteht aus evangelistischen Volltrotteln. Das ist Lehrls persönlicher Referent, Charlie. Herrgott noch mal.«

§ 42
    Zwischen den Aufmerksamkeitsspannen herrschte immer wieder langes Schweigen.
    »Scheiße, einen hab ich noch. Ist aber ’ne Weile her, als ich noch in Saint Louis zur Schule ging und wir Reserve Rangers waren.«
    »Schieß los.«
    »Du wirst nicht alles verstehen. Dazu muss man in den späten Sechzigern gelebt haben.«
    »Haben wir da vielleicht nicht gelebt?«
    »Ich meine nicht, dass du dir die Zehen gelutscht oder an die Knubbelnase gepatscht hast. Ich meine mündig, sensibilisiert. Ich meine kulturell.«
    »Gegenkulturell, meinst du.«
    »Ich könnte dir sagen, dass du Scheiße von einem Stock fressen sollst, Gaines. Tu ich aber nicht. Stattdessen sage ich, wenn die unverkennbare Qualität von irgendwas cool ist, und ich sage, die Qualität davon ist Beatles, dann kapierst du das nicht.«
    »Man muss dabei gewesen sein.«
    »Es ist nicht dasselbe, wenn man einfach bloß ein paar Platten von den Beatles hat, sagst du. Man muß dort gewesen sein, drauf .«
    »Grooven. Groovy sein.«
    »Da geht’s schon los. Da hat nie einer groovy gesagt. Leute, die groovy oder ey Mann gesagt haben, die haben nur ’ne Fantasie ausagiert, die sie bei CBS in den Nachrichten gesehen hatten. Ich will darauf hinaus, wenn ich Baxter-Bathing oder Owsley sage oder das eine Kleid erwähne, das Janis immer anhatte, dann denkt ihr an Daten. Aber von dem Gefühl ist nichts dabei – es war ein Gefühl. Das kann man unmöglich beschreiben.«
    »Außer indem du sagst, es war so total Beatles.«
    »Und manchmal sind es nicht einmal Daten. Was ist, wenn ich Lord Buckley nenne? Den Texas Tower oder Sin Killer Griffin auf Kassette aus dem Knast oder Jackson, der bei Today auftritt und diesem Schimpansen J. Fred gegenübersitzt in einem Pulli, wo noch Martins Blut- und Hirnspritzer drauf sind, und keiner sagt was, obwohl Today in New York produziert wurde, was also bedeutet, dass Jackson in dem Pulli die ganze Strecke aus Memphis geflogen ist, bloß damit er im Fernsehen das Blut anhaben kann – spürt ihr irgendwas, wenn ich das sage? Oder Bonanza oder I am

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