Der dunkle Turm - Gesamtausgabe
Sache, aber in völliger Dunkelheit lebendig gefressen zu werden …
Das war etwas anderes.
»Los, schneller!«, fauchte sie Roland an und hieb mit den Oberschenkeln wie ein Reiter, der sein müdes Pferd anspornte, gegen seine Seiten.
Irgendwie gelang es Roland, die Geschwindigkeit nochmals zu steigern. Seine Atmung war jetzt ein qualvolles Röhren. Nicht einmal nachdem er die Commala getanzt hatte, hatte er derart gekeucht. Wenn er dieses Tempo beibehielt, würde ihm bald das Herz in der Brust platzen. Aber …
»Schneller, Tex! Gib Vollgas, verdammt noch mal! Ich hab vielleicht noch ein Ass im Ärmel, aber bis dahin musst du echt alles geben!«
Und in der Dunkelheit unter Schloss Discordia tat Roland genau das.
12
Susannah stieß mit der freien Hand noch einmal in den Lederbeutel und bekam die Stablampe zu fassen. Sie zog sie heraus, klemmte sie sich unter den Arm (mit dem Bewusstsein, dass sie garantiert erledigt waren, wenn sie den Stab fallen ließ), riss dann die Sterno-Büchse auf und war erleichtert, das kurze Zischen des Vakuumverschlusses zu hören. Erleichtert, aber nicht überrascht – wäre die Dose undicht gewesen, wäre das brennbare Gelee, das sie enthielt, längst verdunstet und die Büchse sehr viel leichter gewesen.
»Roland!«, rief sie. »Roland, ich brauche Zündhölzer!«
»Hemd … tasche!«, keuchte er. »Nimm sie dir!«
Zuvor ließ sie die Stablampe jedoch in den Spalt zwischen ihrem Schritt und seinem Rücken gleiten. Dabei wollte sie ihr wegrutschen, aber sie konnte sie gerade noch erwischen. Nun bohrte Susannah den langen Lampenstab in die Sterno-Büchse. Um nach Streichhölzern greifen zu können, während sie die Dose und die nun mit Brennstoff überzogene Stablampe hielt, hätte sie eine dritte Hand gebraucht, deshalb ließ sie die Büchse einfach fallen. Im Lederbeutel steckten noch zwei weitere Dosen, allerdings würde sie eh keine weitere Chance mehr haben, nach einer davon zu greifen, sollte ihr Vorhaben nicht funktionieren.
Das Lebewesen brüllte wieder und schien jetzt unmittelbar hinter ihnen zu sein. Nun konnte sie es auch riechen: wie ein Haufen in der Sonne verwesender Fische.
Sie griff über Rolands Schulter hinweg und zog ein Zündholz aus seiner Hemdtasche. Wahrscheinlich reichte die Zeit aus, um eines zu entzünden; für zwei reichte sie bestimmt nicht. Roland und Eddie konnten sie mit dem Daumennagel anreißen, aber Detta Walker hatte immer einen viel besseren Trick beherrscht, einen, mit dem sie mehr als einen der weißen Jungs, die ihr bei ihren Raubzügen durch Straßenkneipen zum Opfer gefallen waren, verblüfft hatte. Sie verzog in der Dunkelheit das Gesicht, fletschte die Zähne und drückte den Streichholzkopf von unten gegen die beiden mittleren oberen Schneidezähne. Eddie, falls du da bist, hilf mir, Liebster – hilf mir, nicht zu versagen.
Sie riss das Zündholz an. Die Stichflamme versengte ihr den Gaumen, und sie hatte sofort Schwefelgeschmack auf der Zunge. Der brennende Streichholzkopf blendete ihre an die Dunkelheit angepassten Augen, aber sie sah trotzdem genug, um ihn an den mit Brennstoff überzogenen Stab der Lampe zu halten. Das Sterno fing sofort Feuer und verwandelte die Stablampe in eine Fackel. Ihr Lichtschein war nicht besonders hell, aber immerhin etwas.
»Umdrehen!«, rief sie.
Roland kam sofort schlitternd zum Stehen – ohne Fragen, ohne Protest – und warf sich herum. Als sie die Hand mit der brennenden Stablampe ausstreckte, sahen sie beide sekundenlang den feuchten, mit zahlreichen rosa Albinoaugen versehenen Kopf. Darunter befand sich ein Maul von der Größe einer Falltür, das mit sich windenden Tentakeln angefüllt war. Das Sterno brannte zwar nicht sonderlich hell, aber in diesem stygischen Dunkel reichte diese Helligkeit aus, um das Wesen zurückschrecken zu lassen. Bevor es wieder in der Dunkelheit verschwand, sah Susannah noch, wie alle diese Augen sich krampfhaft schlossen, und überlegte sich, wie lichtempfindlich sie wohl sein mussten, wenn schon diese kleine flackernde Flamme sie …
Der unterirdische Gang war hier auf beiden Seiten von unordentlich aufgetürmten Knochenhaufen gesäumt. Das verbreiterte Ende der Stablampe, wo die Birne saß und das Susannah als Griff verwendete, wurde bereits warm. Oy, der mit gesenktem Kopf, gesträubtem Fell und gespreizten kurzen Beinen dastand, kläffte hektisch, während er ins Dunkel starrte.
»In die Hocke, Roland, in die Hocke!«
Er gehorchte, und sie
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