Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Der gleiche Weg an jedem Tag

Der gleiche Weg an jedem Tag

Titel: Der gleiche Weg an jedem Tag Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Gabriela Adamesteanu
Vom Netzwerk:
fertig geworden, also werden wir noch eine Zeitlang mit ihnen zusammen wohnen, höchstens einen Monat, glaube ich …«
    Â»Und ich, was tu ich jetzt bloß? Ich dachte, es ist alles erledigt, so habe ich euren Brief verstanden und habe Marilena zu uns eingeladen … Sie hat Streit mit ihren Eltern, und in drei Tagen macht das Heim zu, wegen Schädlingsbekämpfung …«
    Betretenes Schweigen, die beiden waren bedrückt, wir gingen über den Boulevard und ließen den Bahnhof hinter uns. Wieder die einstöckigen, blassgrünen Reihenhäuser für die Bahnangestellten, an den stachligen schwarzen Sträuchern hinter dem schmiedeeisernen Zaun funkelten kleine, durchscheinende Eisperlen.
    Â»Da haben wir’s!«, murmelte Mutter.
    An der verwitterten hölzernen Anschlagtafel blätterten feucht die Kinoplakate ab. Mechanisch sah ich hin und auch gleich wieder weg. Es waren alte Filme, die ich schon vor einem Monat gesehen hatte. In ein paar Monaten war die Stadt geschrumpft, sie kam mir fremd vor. Wie aus einem längst vergessenen Traum tauchten die gelblichen Fassaden dieser Häuser mit zwei oder drei breiten Stufen vor der Eingangstür auf. Die ungewohnte Stille dröhnte mir in den Ohren, hinter meinen Lidern drängten sich immer noch die bunten Autos auf den breiten Boulevards, flimmerten die Leuchtreklamen. Hier standen nur vereinzelt unverputzte Blocks, daneben verschneite Schutthaufen, aus denen sich sperrige Betonfertigteile mit rostigem Eisengestänge reckten. Hinter dem Kirchhofzaun ragte die grelle Kuppel zwischen vier Kränen, die, in ihrer Bewegung erstarrt, mit ausgestreckten Armen aufeinander zeigten. Jenseits der Kirche unsere ehemalige Straße, die zum steinigen Bachbett abfiel. Am Ende ein großes Loch, das als Müllschlucker herhielt, und eine Bäckerei mit geschlossenen Läden. Mir schien, als sähe ich auch diese Straße zum ersten Mal. Seltsam, sagte ich mir, diese beiden Orte gibt es zur gleichen Zeit, und man braucht nur zwei Stunden, um vom einen zum anderen zu kommen.
    Â»Du machst Sachen, ohne nachzudenken«, seufzte Mutter außer Atem und lehnte sich ans Treppengeländer.
    Es miefte schwer nach Krautwickeln und frischem Mauerwerk. Ich holte Luft, um ihr zu antworten, ließ es aber sein, als ich ihre Handschuhe sah, die mir erstaunlich bekannt vorkamen. Plötzlich fiel es mir ein, es waren meine, ich hatte sie im Herbst zurückgelassen, weil sie so alt waren, sie hatte sie mit schwarzem Garn geflickt, das fiel aber nur an ein paar Fingern auf.
    Â»Wieso lädst du das Mädchen ein, wo du doch weißt, wie wir wohnen?«
    Â»Lass das jetzt«, sagte Onkel Ion und deutete mit einer Grimasse auf die Türen, hinter denen Stimmen und Fernsehgeräusche zu hören waren. »Wir reden, wenn wir drinnen sind …«
    Wir betraten den dunklen Vorraum ebenso leise und ängstlich, wie wir es bei den Pârvulescus getan hatten. Aus der Küche hörte man Öl in einer Pfanne zischen.
    Â»Und wieso, sagst du, fährt die nicht nach Hause zu ihren Eltern?« Langsam legte Mutter ab, ihre Augen blickten trübe. Es fiel mir schwer, die Möbel wiederzuerkennen, sie standen ganz anders, die Anrichte am Fenster, mitten im Zimmer der große Esstisch, an dem man kaum vorbeikam, an der gegenüberliegenden Wand das Schlafsofa des Onkels. Wo haben sie bloß die Bibliothek hingestellt, fragte ich mich, und den Kleiderschrank?
    Â»Habe ich dir denn nicht geschrieben, dass sie mit ihren Eltern zerstritten ist? Sie wollte im Herbst heiraten …« Ich schwieg, weil ich nicht den Mut hatte, das alles näher zu erläutern.
    Â»Nein, du hast sie ja nicht mehr alle! Mischst dich da in alle möglichen Sachen und ziehst uns mit hinein … Wer weiß, womit du nächstes Mal kommst – vielleicht willst auch du nach einem Trimester heiraten?«
    Meinst du, es nimmt mich jemand, einfach so?, wollte ich zurückgeben und dachte verbittert an Barbu.
    Â»Die Mädchen heiraten alle während des Studiums, so ist das jetzt, nicht wie zu eurer Zeit«, antwortete ich. Meine Wangen begannen zu glühen vor Erregung.
    Â»Dann heirate halt auch und mach Schluss mit allem!«
    Auch Onkel Ion war niedergeschlagen, er saß auf dem Bettrand und wippte nervös mit dem einen Bein.
    Â»Du hast es verdient, dass wir dich deinem Schicksal überlassen …«, sagte

Weitere Kostenlose Bücher