Der Graf von Sainte-Hermine - Dumas, A: Graf von Sainte-Hermine - Le Chevalier de Sainte-Hermine
und dem großen Condé das Aussehen eines Raubvogels verleiht, und mit dem kräftigen Kinn, das Hartnäckigkeit verrät, die bis zum Starrsinn reichen kann. Haare und Bart waren von mattem Blond, schütter und ungleichmäßig verteilt.
Nichts lässt vermuten, dass Lady Hamilton bei dieser ersten Begegnung Nelsons Äußeres anders beurteilt hätte als ihr Ehemann; die überwältigende Schönheit der Botschaftergattin allerdings tat ihre Wirkung. Nelson verließ Neapel mit der Verstärkung, die am Hof beider Sizilien zu erbitten seine Aufgabe gewesen war, und bis zur Besinnungslosigkeit in Lady Hamilton verliebt.
Diese Liebe gereichte Nelson zur Schande.
Emma Lyon hatte zu jener Zeit bereits das letzte Schamgefühl verloren.
Suchte Nelson den Tod bei der Einnahme von Calvi, bei der er ein Auge verlor, oder bei der Expedition nach Teneriffa, bei der er einen Arm verlor, um sich von dieser Liebe zu befreien? Tat er es aus Ehrgeiz? Oder aus Ruhmsucht? Wir wissen es nicht; doch bei beiden Anlässen setzte er sein Leben so kaltblütig aufs Spiel, dass man nicht umhinkommt zu denken, er habe nicht sonderlich daran gehangen.
Am 16. Juni 1798 kam er zum zweiten Mal nach Neapel und fand sich zum zweiten Mal in Gegenwart Lady Hamiltons wieder.
Für Nelson war es ein kritischer Zeitpunkt: Er hatte den Auftrag, die französische Flotte im Hafen von Toulon zu blockieren und kein Schiff entrinnen zu lassen, und er hatte mit ansehen müssen, wie ihm diese Flotte entkommen war und Malta erobert hatte, bevor sie in Alexandria dreißigtausend Mann an Land gebracht hatte.
Doch das war noch nicht alles: Nelsons Geschwader war von einem Sturm gebeutelt worden, sein Schiff war in Seenot geraten, es hatte ihm an Wasser und an Lebensmitteln gemangelt, und es war völlig ausgeschlossen gewesen, die Franzosen weiter zu verfolgen; vielmehr hatte das
Geschwader in Gibraltar Zuflucht suchen müssen, um die notwendigsten Ausbesserungsarbeiten durchzuführen und sich mit Proviant zu versorgen.
Nelson war so gut wie verloren: Einen Mann, der seit einem Monat im Mittelmeer – anders gesagt, in einem etwas größeren Teich – auf der Suche nach einer Flotte von dreizehn Kriegsschiffen und siebenundachtzig Transportschiffen war, der er sich nicht nur nicht an die Fersen heften konnte, sondern von der er bislang nicht die geringste Spur entdeckt hatte, konnte man mit Fug und Recht für einen Verräter halten; nun musste er den Hof der Könige beider Sizilien dazu bewegen, ihm zu erlauben, in den Häfen von Messina und Syrakus Proviant und in Kalabrien Holz an Bord zu nehmen, um die zerbrochenen Masten und Rahen zu ersetzen. Die Könige Neapels und beider Sizilien hatten jedoch einen Friedensvertrag mit Frankreich unterzeichnet, und dieser Vertrag erlegte ihnen strikteste Neutralität auf; Nelsons Bitte zu erfüllen hätte geheißen, gegen diese Neutralität zu verstoßen und den Vertrag zu brechen.
Ferdinand und Caroline verabscheuten die Franzosen jedoch so abgrundtief und hatten ihnen so unerbittlichen Hass geschworen, dass sie in ihrer Unbesonnenheit Nelson alles gewährten, was er verlangte; in dem Wissen, dass nur ein glanzvoller Sieg ihn retten konnte, verließ Nelson Neapel, verliebter denn je zuvor, verrückter denn je zuvor, besinnungsloser denn je zuvor und mit dem Schwur, zu siegen oder sein Leben zu verlieren.
Er siegte und hätte beinahe sein Leben verloren.
Kein Seegefecht seit der Erfindung des Pulvers und der Verwendung von Kanonen hatte die Meere zum Schauplatz einer ähnlich verheerenden Niederlage gemacht.
Von den dreizehn Kriegsschiffen der französischen Flotte waren nur zwei den Flammen und dem Feind entkommen.
Ein Schiff, die Orient , war explodiert; ein anderes Kriegsschiff und eine Fregatte waren gesunken, und neun Schiffe waren gekapert worden. Nelson hatte sich als wahrer Held erwiesen: Während des ganzen Gefechts hatte er den Tod gesucht, doch der Tod hatte ihn verschmäht; dennoch hatte er eine schwere Verletzung davongetragen: Eine Kanonenkugel, abgefeuert von der untergehenden Guillaume Tell , hatte eine Rahe der Vanguard zerschmettert, und die zerschmetterte Rahe hatte Nelson an der Stirn getroffen, als er den Kopf hob, um zu sehen, was der Grund für das schreckliche Krachen war, das er vernahm; das zersplitterte Holz hatte
ihn gewissermaßen skalpiert und ihm die Stirnhaut über das gesunde Auge geschoben, worauf er unter dem Gewicht der Rahe wie ein zu Tode getroffener Stier in seinem Blut auf Deck
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