Der Greif
Bemerkung über die Ähnlichkeit der Namen Thor und Thorn war ich - ja was eigentlich? - aufgewühlt? irritiert? erregt?
beunruhigt? gewesen, wann immer der Name Thor erwähnt
worden war. Warum nur? Ich mag eine gewisse Vorahnung
gehabt haben, wer und was Thor wirklich war. Doch hätte mich die Aussicht auf die Entdeckung, daß ich keinen
Einzelfall innerhalb der menschlichen Rasse darstellte, kaum geärgert oder in Schrecken versetzt. Schließlich hatte ich seit meiner Kindheit, als ich erfahren hatte, was ich war, inständig gehofft, einem Menschen wie mir selbst zu
begegnen.
War es dann denkbar, daß ich etwas anderes
vorausgeahnt hatte? Etwas Schreckliches,
das die
Begegnung von Thor und Thorn überschatten sollte? Auch das konnte ich kaum glauben. Wenn es je zwei menschliche Wesen gegeben hatte, die von der Natur dazu ausersehen waren, einander Freude zu bereiten, und vom Schicksal
dazu bestimmt waren, einander die Treue zu halten, konnten das nur Thor und Thorn sein. Außerdem wurde Thor
offensichtlich nicht von irgendwelchen bösen Ahnungen
heimgesucht. Beim ersten Hinweis auf meine Existenz - auf die Möglichkeit, ein anderer Hermaphrodit könnte vielleicht tatsächlich zur selben Zeit in derselben Welt leben -, hatte Thor sich voller Verlangen auf die Suche nach mir begeben.
Hinter der ganzen Angelegenheit steckte Widamer, jener Gesandte des westgotischen Hofes in Tolosa, da der
Besuch bei seinem Cousin Theoderich in Novae ihm
zunächst ein paar glückliche Stunden mit einer
Stadtbewohnerin namens Veleda und anschließend eine
fragwürdige Begegnung mit einem Herzog namens Thorn
beschert hatte.
Widamers Abschiedsworte mir gegenüber waren
gewesen: »Ich werde diese Angelegenheit im Auge... und in Erinnerung behalten...« Diesem Vorsatz war er offensichtlich treu geblieben, obwohl er anscheinend nie den tatsächlichen Zusammenhang zwischen Veleda und Thorn durchschaut
hatte. Jedenfalls machte Widamer einige Zeit später, bei einem Fest in Tolosa, in möglicherweise angetrunkenem
Zustand, eine Bemerkung über die verblüffende Ähnlichkeit zweier Personen, die er in Novae getroffen hatte. Vielleicht hatte es sich dabei nur um eine frivole oder obszöne
Spekulation über das Naturell dieser beiden Personen
gehandelt. Einer der Gäste bei diesem Fest, der diese
Bemerkung mitbekam, hatte jedoch sofort erkannt, was
Widamer verborgen geblieben war. Bereits am
darauffolgenden Morgen hatte Thor sein Pferd gesattelt und war in Richtung Osten nach Novae geritten. Als er dort erfuhr, daß ich mich mit Nachforschungen befaßte, war er mir gefolgt, so lange, bis er mich schließlich gefunden hatte.
Und nun lagen wir also, in inniger Umarmung, hier in diesem Zimmer.
Ich sagte: »Hast du wirklich vor, niemals nach Tolosa
zurückzukehren, wie du gestern angedeutet hast? Ich hatte nämlich angenommen, daß du ein junger Adliger von
gehobenem Stand wärst, da du ja einem Fest bei Hofe dort beiwohntest.«
»Ich wünschte, es wäre so«, sagte Thor und brachte mich dann erneut aus der Fassung. »Ich bin - oder vielmehr ich war - Kammerzofe und Haarpflegerin von König Eurichs
Gemahlin, Königin Ragna.«
»Was? Eine männliche Kammerzofe? Eine Kammerzofe namens Thor?«
»Namens Genoveva. Und nicht männlich. In meinem
Heimatort Tolosa und überall im Gebiet der Westgoten, wo ich mich in Begleitung der Königin aufhielt, war ich bekannt und geachtet als ihre fingerfertige Kammerzofe Genoveva.
Ich bemühte mich, diesen guten Ruf nicht zu schädigen.
Genovevas kleine Indiskretionen wurden immer äußerst
diskret abgewickelt. Nur wenn ich meine männlichen
Bedürfnisse befriedigen wollte, wurde ich Thor, und bei diesen Gelegenheiten pflegte ich mich in ein Bordell von üblem Ruf zu stehlen, wo die Frauen den Männern, die ihre Gelüste an ihnen stillen, wenig Fragen stellen.«
»Interessant«, sagte ich erneut. »Ich treffe auch viele Vorkehrungen, um meine Identität zu schützen, nur
umgekehrt. Ich lebe als Mann in der Öffentlichkeit.«
»Ich sagte dir ja schon, ich bin von meiner Erziehung her nicht gerade abgehärtet. Ich war ein Findling, wurde von Nonnen erzogen und unterrichtet und in Tätigkeiten
unterwiesen, die für eine Frau als passend empfunden
wurden. Nähen, Putzen, Kochen schließlich noch die
Fertigkeiten des Schminkens, des Haarefärbens und
Haarekräuselns. Und dann verließ ich das Kloster, um
meinen eigenen Weg im Leben zu finden.«
»Ich will dir nun die Lügen
Weitere Kostenlose Bücher