Der Hoteldetektiv
fleischigrote Hand an mir vorbei, dem nächsten armen Wesen zu, das wie ich
kein British Subject war.
Es stößt mir jedesmal sauer auf, wenn ich diese Prozedur in Lon-
don erlebe, und doch – man muß wahrscheinlich Verständnis dafür
aufbringen, schließlich ist England ja nur eine Insel. Und die würde bald aus allen Nähten krachen, wenn man jeden x-beliebigen ins
Land ließe, oder nicht?
Ich hatte, wie es meine Gewohnheit ist, nur Handgepäck. Ein klei-
ner Koffer, spezialangefertigt, der gerade einen Wechselanzug, Wech-selwäsche und ein Paar Wechselschuhe aufnehmen kann. Dazu na-
türlich Rasierzeug und die üblichen Kleinigkeiten, die ein Mann
sonst noch braucht.
Das Londoner Hotel der Sheraman-Kette heißt Hillcrest und liegt tatsächlich auf einem Hügel. Auf halbem Weg zwischen Stadt und
Flughafen.
Von einem Park umgeben, in reinem Tudorstil – wenn auch erst
1961 erbaut –, ist es eine Augenweide.
Da konnte man wirklich stolz drauf sein, daß man zu einem sol-
chen Weltunternehmen wie Sheraman gehörte.
Und wie mir J.L. beim Abschied versichert hatte, waren meinen
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Aufstiegsmöglichkeiten darin keine Grenzen gesetzt, es sei denn
meine eigenen, was Verstand und Elan angehe.
Mit einem der hochgestochenen englischen Taxis, das meine ich
bildlich, fuhr ich vor unserem Haus vor.
Ein Page bemächtigte sich sogleich meines Koffers; da so geringes
Gepäck häufig mißverstanden wird, hatte ich Wert darauf gelegt,
daß bei der Anfertigung des Koffers bestes, ungefärbtes Büffelleder verwendet wurde, und meine Namensbuchstaben neben dem Sicher-heitsschloß waren so unauffällig silbern, daß es sich nur um Weiß-
gold handeln konnte. Meine Mutter hatte mir von Kindesbeinen
an eingebleut: »Wie man kommt gegangen, so wird man auch emp-
fangen«, und bisher habe ich noch keinen Anlaß gehabt, daran zu
zweifeln.
Der Empfangschef trug weiße Koteletten bis in die Mitte seiner
rosigen Wangen.
»Good afternoon, Sir. Sie haben ein Zimmer bestellt, Sir?«
»Auf den Namen Helm, ja.«
Sein wohlmanikürter Zeigefinger glitt über eine Reservierungsliste, die in einem dezenten Grau gehalten war, wie alles Schreibpapier,
das in den Sheraman-Hotels Verwendung findet.
»Sehr wohl, Sir.« Ein kaum merklicher Wink mit der gepflegten
Rechten, der Page eilte an meine Seite, nahm den Schlüssel zur
Hand.
Es war das erste Mal, daß ich als Gast ein Apartment in einem
Sheraman-Hotel bezog.
Gediegener Luxus ist wirklich was Feines, dachte ich, während ich
mich wohlig im grünen Marmorbad aalte.
Der Page war mit einem guten, aber nicht zu hohen Trinkgeld
versteckt grinsend abgezogen. Inzwischen hatte der Zimmerkellner
mir nebenan ein Tartar, sechs Imperial Austern und eine halbe Fla-
sche französischen Champagner, Brut, serviert.
Ich nahm den flauschigen, hier grünen Bademantel über, der
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selbstverständlich zu jeder Badezimmerausstattung in unseren Häu-
sern gehört, bürstete mein Haar, das sich immer noch nicht an den
Kurzschnitt gewöhnen wollte, borstig hoch stand, und gab mich ge-
nüßlich dem kleinen Imbiß hin.
Allerdings vergaß ich dabei das Arbeiten nicht. Schließlich war
ich ja nicht nur zu meinem Vergnügen hier.
Im Hillcrest waren wiederholt Juwelendiebstähle vorgekommen –
dabei ging es um Summen, die ich mir nicht mal mit geschlossenen
Augen vorzustellen vermag. Sie besitzen zu wollen, wäre mehr als
ein eitler Traum.
Aber es war dem Management gelungen – bisher –, alle Spürhun-
de der Presse fernzuhalten, allerdings wie üblich unter großen Kosten, was natürlich auf die Verlustseite des Unternehmens gebucht
wurde und daher gar nicht erfreulich war.
Die Aufstellung der gestohlenen Schmuckstücke las sich folgen-
dermaßen :
Lady J. Nestor, ein Smaragdarmband – Wert 28.000 DM
Mrs. T. Laison, ein Smaragdring – Wert 39.000 DM
Mrs. K. Adams, ein Saphir-Brillant-Collier – Wert 144.000 DM
Mrs. S. Koch, ein Diamantcollier mit Sternsaphiren – Wert
163.000 DM
Und so ging's weiter, Sternrubina, Feueropale, Brillanten, Bril anten und noch mal Brillanten – alles zusammen im Wert von rund
2,2 Millionen.
Wie ich schon sagte, eine richtig hübsche, runde Summe.
Es folgten dann die Berichte zweier meiner direkten Kollegen, die, heimisch im Hillcrest, die Untersuchungen geführt hatten. Diese Unterlagen hatten mich im Hil crest erwartet, getarnt als harmloser Dop-pelbrief von meiner Tante Ludmilla. Den Herren selbst war ich völ-
lig
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