Der Menschensammler - Dicte Svendsen ermittelt Kriminalroman
allerdings ein paar Oktaven höher, da sich die Polizeireform in der besonders schwierigen Anfangsphase befand. Jene Reform, die als Ziel hatte, insgesamt 800 zusätzliche Beamte freizusetzen, die stärker in der Öffentlichkeit präsent sein sollten. Die den gesamten Polizeiapparat eleganter, effektiver und transparenter machen sollte. Aber bisher hatte sie nur Probleme verursacht. Allein bei der Polizei von Kopenhagen stapelten sich 44 000 unbearbeitete Fälle, und die durchschnittliche Dauer, die mittlerweile für eine Strafsache gerechnet |247| wurde, belief sich auf 458 Tage. Und eine Statistik hatte gezeigt, dass über fünfzig Prozent der Angestellten bei der Dänischen Polizei erwogen, sich freistellen zu lassen.
»Und wenn man die Burschen dann endlich dingfest gemacht hat, werden wir so unter Druck gesetzt, dass sie nicht verurteilt werden. Das ist äußerst deprimierend«, sagte ihr Gesprächspartner Otto Ring.
Sie hätte gerne noch den Justizminister um einen Kommentar gebeten, musste sich aber damit begnügen, ihm eine Nachricht mit ihren detaillierten Fragen zu hinterlassen und darauf zu hoffen, dass sie den Rückruf vor Ablauf der Deadline ihrer Krimibeilage erhalten würde. Aber sollte das der Fall sein, wäre ihr Artikel vielleicht groß genug für einen Aufmacher auf der ersten Seite mit einem Verweis auf die Beilage
Krimizone
.
Als alles erledigt und in die Wege geleitet war, lehnte sie sich zurück und ließ ihren Blick durch die Redaktionsräume wandern. Genaugenommen, unterschieden sich die Probleme der Polizei nicht besonders von denen der Medien. Selten war genug Zeit vorhanden, um wirklich in die Tiefe zu gehen, und immer mehr Aufgaben wurden auf immer weniger Schultern verteilt. Die neumodische Sprache nannte diesen Vorgang das Anpassen an eine neue Wirklichkeit. Früher sagte man Kürzungen und Einsparungen dazu. Früher einmal hatte es Platz gegeben für die etwas anderen, exzentrischen Journalisten. Die vielleicht nur wenige Artikel lieferten, dafür aber mit einer beeindruckenden Persönlichkeit aufwarteten. Ihr Blick fiel auf Holger und Helle, die eifrig mit den Fingern über ihre Tastaturen flogen. Cecile feilte sich die Nägel, während sie telefonierte. Sie waren schon gut, aber eben auch nicht mehr. Keiner von ihnen würde jemals einen Preis gewinnen oder gar zu einer Legende werden. Die Zeit der Legenden war vorbei. Die Zeit der Meterware war angebrochen, und all das geschah im Namen der Effektivität.
Sie stand auf, stellte sich ans Fenster und sah hinunter auf die Straße, wo Menschen in leichter Sommerkleidung am Telefontorvet vorbeischlenderten und die Frederiksgade hochbummelten. |248| Es war lange her, dass sie solche Gedanken hatte, aber ab und an musste sie innehalten und sich fragen, ob es dieses Leben war, das sie sich immer gewünscht hatte, und ob sie da überhaupt hineinpasste.
»Ich bin gleich wieder zurück. Ich stelle mein Telefon um.«
Sie hatte ihre Bemerkung einfach in den Raum gerufen, und ihre Kollegen hatten alle zerstreut genickt. Sie musste einfach weg, raus da, obwohl es noch viel zu früh war. Journalisten sollten sich in der Realität bewegen, aber wo war die? Im Krankenhaus, wo eine große Nachfrage nach Körpern herrschte, auch wenn sie schon tot waren? Im Fußballstadion, wo man riskierte, als entbeinte Leiche zu enden? Oder einfach draußen in der Stadt? Wie viel hatten sie eigentlich mit der Welt dort draußen zu tun? Die meisten Geschichten in den Zeitungen wurden via Telefon oder Pressekonferenzen ergattert, obwohl die meisten Redaktionen und somit die Journalisten physisch im Stadtzentrum angesiedelt waren. Aber manchmal bedurfte es neuer Inspiration; manchmal musste man sich einen Überblick verschaffen, und sie wusste, dass sie bisher wichtige Zusammenhänge übersehen hatte. Sie zog die Tür hinter sich zu und trat hinaus in den Sommer.
Sie ging hinunter zum Århus Å, die Immervad hinunter und einmal quer über den Lille Torv, wo Ida Marie ihr Reisebüro hatte. Einen kurzen Moment überlegte sie, bei ihr vorbeizuschauen. Aber ihre Frauenfreundschaften schienen gerade nicht vom Glück verfolgt zu sein. Es war, als würden sie sich voneinander entfernen, weil ihr Journalismus sich zu nah am Bereich der Polizeiarbeit von Idas Mann bewegte. Und bei Anne und ihr, weil, na ja, weil Anne sich zurückgezogen hatte. Sie rief nicht mehr an, beziehungsweise, wenn sie es tat, wurden es nur sehr kurze Telefonate. Sie lud sie auch nicht mehr
Weitere Kostenlose Bücher