Der Tanz des Maori (epub)
aus.
»Das kann ich mir nicht vorstellen«, beruhigte ich ihn damals. »John Denson ist ein verantwortungsvoller Mensch. Er würde nie riskieren, dass jemand durch seine Geschäfte zu Schaden kommt!«
Anaru sah mich mit seinen unheimlich hellen Augen an. »Wer sagt denn, dass John Denson wirklich weiÃ, was in der Mine passiert? Er ist doch meistens hier in Seddonville und überprüft nur die Bücher.«
Ich habe nicht verstanden, was er mir damit sagen wollte. »Sicher. Aber in den Büchern steht doch auch die Wahrheit über den Bau: wie viele Arbeiter in dem Stollen sind, wie viele Stützpfeiler bestellt werden â¦Â«
Anaru schnaubte angewidert durch die Nase. »Wer sagt denn, dass die Stützpfeiler auch alle in Matakite landen? Hat dein John sich denn jemals selber in der Mine davon überzeugt, wie es aussieht? Er vertraut nur seinen Plänen und seinem Geschäftspartner. Aber das ist keine gute Idee, das kannst du mir glauben.«
»Soll ich vielleicht einmal mit ihm sprechen?« Ich dachte, dass John einer Warnung sicher Beachtung schenken würde.
Aber Anaru schüttelte nur erschrocken den Kopf. »Bloà nicht. Wenn Angus erfährt, wer ihn angeschwärzt hat, dann werde ich auf der Stelle gefeuert. Und nicht nur ich â sondern sicher alle Männer aus unserem Dorf. Das kann ich nicht verantworten!«
»Aber wenn doch vielleicht ein Unglück geschieht?«, fragte ich noch.
Aber Anaru lieà sich nicht umstimmen. »Vielleicht passiert ja auch gar nichts. Die alten Arbeiter sind womöglich nur Besserwisser.« Er zuckte mit den Achseln. »Ich weià es einfach nicht. Ich arbeite schlieÃlich zum ersten Mal in so einer Mine. Und in Matakite ist der Lohn wirklich gut.«
Damit war dieses Gespräch beendet. Ich war zu jung, um zu begreifen, was Anaru da eigentlich behauptet hatte. Und was das für die Mine und die Leben von so vielen Arbeitern bedeutete. Ich habe mich später oft gefragt, was wohl passiert wäre, wenn ich noch an diesem Nachmittag zu John Denson gegangen wäre ⦠Aber die Zeit lässt sich nun einmal nicht zurückdrehen.
So vergingen viele Wochen â zu viele Wochen! â, bis Anaru an einem Sonntagnachmittag völlig verdreckt und viel zu spät zu einer Verabredung kam. Wir wollten eigentlich ein bisschen spazieren gehen â aber so, wie er vor mir stand, war das unmöglich. Ich war entsetzt â ich hatte ja nicht einmal geahnt, dass er auch an Sonntagen arbeitete!
»Matakite zahlt für die Arbeit am Sonntag noch einen Zuschlag«, erklärte Anaru mir. »Ich wollte dir das bisher nur nicht erzählen, weil du ja sowieso der Meinung bist, dass ich viel zu viel arbeite ⦠Aber das ist nicht das eigentlich Schlimme. Ich habe heute in einem kleinen Stollen gearbeitet â da können wir höchstens zu zweit nebeneinander stehen. Wir waren schon den ganzen Vormittag dabei, da hörte ich plötzlich ein Knirschen. So als ob der Berg ganz tief seufzen würde. Sekunden später gab die Decke über uns nach. Nicht stark, aber plötzlich war direkt über uns ein Loch, in das man bestimmt zehn Schaufeln Kohle schippen könnte. Der Dreck war einfach auf uns heruntergefallen. Ich wollte in Panik den Stollen verlassen, aber das wollten wohl alle anderen auch ⦠Ich habe fast eine halbe Stunde gebraucht, bis ich wieder an der frischen Luft stand.«
Anaru hatte allein bei der Erinnerung an diesen Moment SchweiÃperlen im Gesicht. »Ich wollte nur noch nach Hause. Mit einem Mal war mir klar, dass die älteren Arbeiter recht hatten. Matakite ist nicht sicher!«
»Und was ist heute Mittag passiert?« Ich konnte mir nicht vorstellen, wie die Arbeiter auf diese Beinahe-Katastrophe reagiert hatten. Waren sie nach Hause gegangen, glücklich, weil sie dem Unglück so knapp entgangen waren?
»Nichts.« Anaru war fassungslos. »Sie diskutierten kurz, stellten dann aber fest, dass sie heute noch nicht lange genug für den Sonntagszuschlag gearbeitet hatten. Damit verschwand der gröÃte Teil wieder in der Mine. Aber ich habe Angst, ich möchte da nicht wieder hin â¦Â«
»Und die anderen haben keine Angst?«
»Sie wissen so wenig vom Bergbau wie ich. Die älteren Arbeiter kommen doch seit Wochen nicht mehr zur Arbeit. MacLagan ist das natürlich recht â wir sind die viel billigeren Arbeitskräfte, wir haben ja
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