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Die Brücken Der Freiheit: Roman

Die Brücken Der Freiheit: Roman

Titel: Die Brücken Der Freiheit: Roman Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ken Follett
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mittlerweile ungefähr die Hälfte des Weges zu ihm zurückgelegt hatte. Das Grubengas konnte sich jetzt jeden Moment entzünden aber es war auch möglich, daß sich überhaupt nichts tat. Von seinem Vater wußte er, daß das Gas manchmal einfach verschwand, und niemand vermochte zu sagen, wohin.
    Er spürte einen leichten Widerstand und wußte, daß die Fackel jetzt an einer Kurve im Stollen entlangschleifte und von der Stelle, an der sich seine Mulde befand, bereits zu sehen sein mußte.
    Gleich knallt's, dachte er.
    Und dann hörte er eine Stimme.
    Er erschrak so sehr, daß er im ersten Augenblick dachte, es
    müsse sich um einen Geist, einen Dämon oder eine andere übernatürliche Erscheinung handeln. Doch dann wurde ihm sehr schnell klar, daß davon keine Rede sein konnte: Er hörte die angsterfüllte Stimme eines kleinen Kindes.
    »Hallo! Hallo! Wo seid ihr?«
    Mack wußte sofort, was geschehen war. Als kleiner Junge war er während der fünfzehnstündigen Arbeitszeit im Stollen nicht selten, von Müdigkeit überwältigt, eingeschlafen. Dem Kind war das gleiche passiert. Es hatte den Alarm verschlafen, war dann aufgewacht und, als es merkte, daß der Pütt verlassen war, in Panik geraten.
    Für seine nächste Entscheidung brauchte Mack nur Sekundenbruchteile.
    Er schob das Brett beiseite und sprang aus seiner Mulde. Die brennende Fackel erleuchtete die Szenerie, so daß er den aus einem Seitenstollen auftauchenden Jungen sofort erkannte. Der Kleine rieb sich die Augen und weinte. Es war Wullie, der Sohn seiner Kusine Jen.
    »Onkel Mack!« rief Wullie, und seine Miene hellte sich auf.
    Mack stürzte auf ihn zu und befreite sich im Gehen von der nassen Decke. Der Platz in der schmalen Mulde reichte nicht für sie beide. Sie mußten also den Treppenschacht erreichen, bevor das Gas explodierte. Er wickelte den Jungen in die Decke, hob ihn auf, klemmte ihn sich mit den Worten: »Grubengas, Wullie! Wir müssen hier raus!« unter den Arm und rannte los.
    Als er an der brennenden Fackel vorbeikam, hörte er sich brüllen: »Noch nicht! Noch nicht!«, als könne er mit der schieren Kraft seines Willens die Explosion hinauszögern.
    Der Junge war nicht schwer, aber es war schwer, gebückt zu rennen. Der unebene Boden tat das Seine: Hier war er schlammig aufgelöst, dort knöcheltief mit Kohlenstaub bedeckt, und überall lauerten Felsvorsprünge und Steine, über die man in der Eile stolpern konnte. Mack achtete kaum auf den Weg, sondern stürmte blindlings vorwärts. Manchmal geriet er ins Stolpern, aber immerhin gelang es ihm, auf den Füßen zu bleiben. Jeden Augenblick rechnete er mit dem großen Knall, der das letzte Geräusch sein mochte, das er in seinem jungen Leben zu hören bekam.
    Hinter der Kurve war vom Licht der Fackel nichts mehr zu sehen. Mack rannte weiter, mitten in die Finsternis hinein, nur um Sekunden später heftig an die Wand zu stoßen. Er stürzte zu Boden, ließ Wullie fallen und rappelte sich fluchend wieder auf.
    Der Junge fing an zu weinen. Mack tappte dem Geräusch nach, fand ihn und nahm ihn wieder auf den Arm. Er sah ein, daß er in der Dunkelheit langsamer gehen mußte. Mit der freien Hand tastete er sich an der Stollenwand entlang, bis vor ihnen endlich die Kerzenflamme am Ausgang schimmerte.
    Mack hörte Jens Stimme. »Wullie!« rief sie. »Wullie!«
    »Ich hab' ihn bei mir, Jen!« rief er zurück und rannte wieder los. »Raus mit dir! Die Treppe hoch!«
    Aber Jen hörte nicht auf ihn. Sie kam auf ihn zu.
    Es waren nur noch ein paar Meter zum Ende des Tunnels, ein  paar Meter noch, und sie waren in Sicherheit.
    »Zurück!« schrie er, aber Jen kam unbeirrt auf ihn zu.
    Dann prallten sie zusammen. Mit dem freien Arm riß er sie  von den Beinen, rannte zum Ausgang.
    Da explodierte das Gas.
    Es begann mit einem schrillen Zischen, dem einen Lidschlag später ein ohrenbetäubendes, erderschütterndes Donnern folgte. Mack spürte einen furchtbaren Schlag in den Rücken wie von einer großen unsichtbaren Faust. Dann verlor er den Boden unter den Füßen, verlor Jen und Wullie, flog durch die Luft. Eine sengende Hitzewelle schwappte über ihn hinweg, und er war überzeugt: Das ist der Tod. Dann stürzte er kopfüber in eiskaltes Wasser und merkte, daß er in den Abflußteich am Schachtgrund gefallen war.
    Und er lebte noch . Er tauchte auf und rieb sich das Wasser aus den Augen . Die hölzerne Plattform und die Treppe brannten an mehrere n  Stellen, und die Flammen beleuchteten mit ihrem

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