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Die Bücherdiebin

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Titel: Die Bücherdiebin Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Markus Zusak
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war, erwachte er mit einem ekelhaften Schreck der Orientierungslosigkeit. Sein Mund öffnete sich einen Moment nach seinen Augen, und er setzte sich kerzengerade auf.
    »Ah!«
    Ein Stimmenfetzen schlüpfte aus seinem Mund.
    Als er schräg über sich das Gesicht eines Mädchens sah, verstärkte sich das Gefühl der Fremdheit und Ahnungslosigkeit. Hastig kramte er in seinen Erinnerungen, um herauszufinden, wann und wo er war. Nach ein paar Sekunden brachte er es fertig, sich am Kopf zu kratzen - es raschelte wie Papier -, und er schaute sie an. Seine Bewegungen waren unzusammenhängend, und jetzt, da sie offen waren, sah sie, dass seine Augen schlammig und braun waren. Groß und schwer.
    Automatisch trat Liesel einen Schritt zurück. Aber sie war zu langsam.
    Der Fremde beugte sich vor und griff mit seiner bettwarmen Hand ihren Arm. »Bitte.«
    Auch seine Stimme hielt sie fest, als besäße sie Fingernägel. Er drückte sie in ihr Fleisch. »Papa!« Laut. »Bitte!« Leise.
    Es war spät am Nachmittag, grau und schimmernd, doch nur schmutzfarbenem Licht war der Zugang in dieses Zimmer gestattet. Das war alles, was der Stoff der Vorhänge durchließ. Wenn man es schönreden wollte, könnte man behaupten, es war bronzefarben.
    Als Papa hereinkam, blieb er im Türrahmen stehen und blickte auf Max Vandenburgs zupackende Finger und in sein verzweifeltes Gesicht. Beides klammerte sich an Liesels Arm. »Ich sehe, ihr habt euch schon kennengelernt«, sagte Hans.
    Max' Finger begannen sich abzukühlen.
    der austausch von albträumen
    Max Vandenburg versprach, nie mehr in Liesels Zimmer zu schlafen. Was hatte er sich an jenem ersten Abend bloß dabei gedacht? Allein die Vorstellung ließ ihn erschauern.
    Er begründete sein Verhalten damit, dass er bei seiner Ankunft derart verwirrt war, dass er nicht darüber hatte nachdenken können. Soweit es ihn betraf, war der Keller der einzig geeignete Ort für ihn. In Kälte und Einsamkeit? Natürlich. Er war ein Jude, und wenn es einen Ort gab, an dem er existieren durfte, dann war es ein Keller oder ein ähnlich verborgenes Refugium, das ihm das Überleben sicherte.
    »Es tut mir leid«, sagte er, auf der Kellertreppe stehend, zu Hans und Rosa. »Von nun an werde ich da unten bleiben. Sie werden mich nicht hören oder sehen. Ich werde keinen Lärm machen.«
    Hans und Rosa, noch tief in ihrem Dilemma gefangen, widersprachen nicht, nicht einmal angesichts der eisigen Temperaturen im Keller. Sie brachten Decken hinunter und füllten das Kerosin in der Lampe nach. Rosa gestand ein, dass sie nicht viel zu essen hatten, woraufhin Max sie bat, ihm nur Reste zu bringen, und auch nur dann, wenn niemand anderes sie mehr haben wollte.
    »Na, na«, wiegelte Rosa ab. »Ich werde Sie so gut füttern, wie ich eben kann.«
    Sie zerrten auch die Matratze von dem zweiten Bett aus Liesels Zimmer in den Keller und brachten stattdessen einen Haufen Lumpen nach oben. Ein guter Tausch.
    Hans und Max legten die Matratze hinter die Treppe und errichteten an der Seite eine Wand aus Lumpen, mit denen Hans bei seiner Arbeit immer die Zimmer auslegte, damit keine Farbspritzer auf den Boden tropften. Der Haufen war hoch genug, um den gesamten dreieckiger Zugangsbereich zu verdecken, und wenn Max mehr Luft brauchte, konnte er ihn leicht verschieben.
    Papa entschuldigte sich. »Ziemlich erbärmlich, ich weiß.«
    »Besser als nichts«, versicherte ihm Max. »Besser als alles, was mir zusteht ... Vielen Dank.«
    Nachdem er ein paar weitere Farbtöpfe und -eimer strategisch günstig positioniert hatte, war Hans der Meinung, dass man das Arrangement gut für eine Ansammlung von Gerumpel halten konnte, das man in der Ecke aufgehäuft hatte, damit es nicht im Weg war. Das einzige Problem war, dass irgendjemand lediglich ein paar Eimer wegstellen und ein oder zwei Lumpen wegnehmen musste, um den Juden dahinter zu entdecken.
    »Hoffen wir, dass es reicht«, sagte er.
    »Es muss reichen.« Max kroch hinein. Wieder sagte er: »Vielen Dank.« Vielen Dank.
    Für Max Vandenburg waren dies die beiden jämmerlichsten Worte, die er zu sagen imstande war, dichtauf gefolgt von Es tut mir leid. Er wurde permanent von dem Verlangen heimgesucht, das eine oder das andere auszusprechen, angefeuert von einem Übermaß an Schuldgefühl.
    Wie oft in diesen ersten Stunden des Wachseins wäre er am liebsten aus dem Keller gelaufen, hätte das Haus am liebsten verlassen? Bestimmt hundert Mal.
    Aber jedes Mal war es nur ein kurzes

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