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Die Chroniken der Schattenwelt: Angelos (German Edition)

Die Chroniken der Schattenwelt: Angelos (German Edition)

Titel: Die Chroniken der Schattenwelt: Angelos (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Gesa Schwartz
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Reihe nach gemustert und ihnen dann mit einer Geste bedeutet, ihm zu folgen. Sie hatten gehorcht, was blieb ihnen auch anderes übrig, und nun stolperten sie mehr oder minder geschickt hinter ihm her, immer tiefer hinab in die geisterhafte Stille seines Reichs. Zunehmend wurde der Schein des Lichts von den Schatten bedrängt, und schließlich, als sie gerade einen gewundenen Pfad abwärtsliefen, erlosch es ganz. Sofort nahm Avartos die Regungen der Dunkelheit um sich herum stärker wahr. Er meinte sogar, sie atmen zu hören, als wäre er in den Leib eines gewaltigen Tieres geraten und würde nun durch dessen Blutstrom vorwärtstreiben, bis hinein in …
    Das Herz der Dunkelheit.
    Hadros’ Stimme hallte in seinen Gedanken wider. Avartos blieb stehen und spürte die kalte Präsenz des Jägers neben sich ebenso wie den Wind, der über sein Gesicht strich. Er schien von weit her zu kommen, sie mussten sich in einem riesigen Gewölbe befinden, doch erkennen konnte Avartos nichts. Selbst vor dem Gold seiner Augen hüllte dieser Ort sich in Finsternis, und ihm blieb nichts als die klare Kühle, die von etwas ausging, das in einiger Entfernung vor ihm lag – eine kraftvolle Ruhe, die ihn den Atem anhalten ließ.
    Wenige Kreaturen betraten diesen Ort vor uns , sagte Hadros. Und wenige werden nach uns kommen. Hier liegt der Grund der Finsternis. Hier liegt der Spiegel der Nacht. Seht hin!
    Avartos zog die Brauen zusammen. Er konnte nicht das Geringste erkennen, und wenn er es nicht vermochte, so war es für Nando, Noemi und Kaya erst recht unmöglich. Selbst Carmenya schien es nicht zu gelingen, der Aufforderung ihres Vaters Folge zu leisten, denn er spürte ihre Anstrengung als elektrischen Impuls auf seiner Haut.
    Ich sehe nicht das Geringste , sagte er deshalb.
    Hadros stieß die Luft aus. Es mag an deiner Blindheit liegen oder an dem Brett vor deinem Kopf . Was lehrt man euch heute in der Akademie, Engelskrieger? Was hat dich dein Vater überhaupt gelehrt, wenn du nicht einmal sehen kannst?
    Avartos fuhr zusammen, als die Hand des Engels sich in seinen Nacken legte. Sie war eiskalt, und der Frost schoss gemeinsam mit der Erinnerung an das seltsam verwundbare Gesicht des Weißen Kriegers in ihn hinein, explodierte schmerzhaft in seinem Schädel und zerriss seine Gedanken, als wären sie nicht mehr als Blätter im Wind. Instinktiv wollte Avartos zurückweichen, aber sein Körper war wie gelähmt. Er hörte die anderen unter derselben Kälte stöhnen, als würde Hadros seine Macht im selben Augenblick auf sie alle ausdehnen.
    Sieh , raunte der Jäger noch einmal. Sieh mit den Augen des Lichts!
    Seine Worte strichen über Avartos’ Wangen wie lebendige Hände, die seine Sinne mit sich hinein in die Finsternis trugen. Er roch den Duft von Salz und Wellen, schmeckte die samtene Süße der Schatten auf seinen Lippen und hörte ihre Stimmen – leise und wohlklingend wie die Töne eines Liedes, das uralte Geschichten erzählte. Die Klänge legten sich auf Avartos’ Lider, er hatte nicht gemerkt, dass er die Augen geschlossen hatte, doch nun sanken sie in ihn hinein und lichteten die Dunkelheit ringsherum, als würde sich ein Vorhang vor seinem Blick heben. Er stand in einer gewaltigen Höhle, einer Höhle wie in einem Traum. Die Wände standen in schwarzem Feuer, die Decke funkelte, als hätten sich alle Sterne der Welt in ihr versammelt, und dort, kaum wenige Schritte von ihm entfernt, lag ein goldener Spiegel, der fast den gesamten Raum ausfüllte. Hadros trat darauf zu, obgleich Avartos noch immer seine Hand im Nacken fühlte – oder war es der Wind, der ihm jetzt ins Haar fuhr und den Spiegel in einen See verwandelte?
    Schritt für Schritt setzte Hadros seine Füße in den See. Sanfte Wellen durchbrachen die Oberfläche, sie umspielten seinen ausgezehrten Leib und die reglosen Schwingen, und als das Wasser über seine Haut perlte, da schien es Avartos, als wäre er selbst es, der in diesen Fluten unterging. Die Wellen schlugen über seinem Kopf zusammen, aber er konnte noch immer atmen, noch immer sehen, und plötzlich wusste er, dass es Blut und Tränen waren, in denen er schwebte, und er spürte die Verzweiflung jedes Engels, der sie geweint hatte, den Zorn jedes Dämons, der in diesen Schatten gefallen war.
    Die Stimmen der Dunkelheit begannen zu sprechen. Sie erzählten von Tod und Verderben, aber auch von Sanftmut und Zärtlichkeit, berichteten von den Kriegen, die in der Ersten Zeit in den Gängen ringsum getobt

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