Die Chroniken der Schattenwelt: Angelos (German Edition)
erkennen – einen goldenen Schimmer, als hätte der Engel noch immer Augen. Dann zog das Gift in seine Beine, und er verlor das Gleichgewicht. Der Schreck erreichte ihn nur dumpf, und erst als er abrutschte und fiel, bäumte er sich auf, riss die fühllosen Arme über den Kopf, als gäbe es dort, hoch über ihm, einen Halt. Er spürte Dunkelheit auf seiner Haut, Glut, Kälte – und plötzlich die Kraft einer anderen Hand. Mit einem Zug, der ihm den Atem nahm, riss sie ihn aus der Finsternis und zog ihn auf die andere Seite des Abgrunds.
Schwer atmend lag Nando auf dem Rücken, und er sah ihn vor sich, den Krieger, der sich über ihn beugte, um ihn zu heilen. Es war ein Anblick wie aus einem Märchen, und Nando hätte gelächelt, wenn das Gift in seinem Leib es ihm gestattet hätte: Hadros, Feind der Hölle, hatte den Sohn des Teufels vor den Schatten bewahrt.
22
Avartos hörte seine eigenen Schritte ohrenbetäubend laut durch die Dunkelheit hallen. Seit Jahrhunderten reiste er durch die Schatten, als wäre er einer von ihnen, lautlos, schnell, gefährlich – und nun, da er diesem verfluchten Engelskrieger immer tiefer hinab in sein Reich folgte, polterte er über den Boden wie ein unerfahrener Rekrut. Nur Nando und Noemi verursachten noch größeren Lärm, während Carmenya ihnen nachging wie ein Windhauch und Hadros so geräuschlos voranschritt, als würde er den steinernen Grund kaum berühren. Er hatte ein Licht in seiner Hand entfacht, höhnisch flackerte es auf, als Avartos in seinem Schein einem Felsen auswich. Seit wann, zur Hölle noch eins, brauchte er ein Licht in der Finsternis, noch dazu eines, das mit solch kalter Herablassung entzündet worden war – für sie, die Sehenden, die dem Blinden nicht in seine Welt folgen konnten, ohne über ihre eigenen Füße zu stolpern?
Er hörte ein spöttisches Lachen in seinen Gedanken. Vielleicht brauchst du ein Licht, seit du fluchst wie ein Dämon und fühlst wie ein Mensch , sagte Hadros.
Kurz überlegte Avartos, ob er den bissigen Kommentar entlassen sollte, der sich angesichts der Unverschämtheit des Kriegers, in seinen Gedanken herumzuschnüffeln, auf seiner Zunge bildete. Aber er wollte den Jäger nicht verärgern. Wer konnte schon wissen, ob die Wände ringsherum tatsächlich aus Stein bestanden? Vielleicht waren auch sie nicht mehr als Illusionen, gewoben in den dunkelsten Stunden jener Zeit, die Hadros in den Schatten verbracht hatte.
Ein unterdrückter Fluch drang von hinten an sein Ohr. Noemi war geschickt, wenn es darum ging, auf Wegen der Dunkelheit das Gleichgewicht zu halten, aber mit dieser flackernden Finsternis um sie herum hatte selbst sie keine Erfahrung. Wenn sie nicht aufpasste, würde sie sich noch die Zehen an den Felsen brechen, die überall auf dem unebenen Boden verteilt lagen. Er konnte die Anspannung spüren, die mit jedem falschen Schritt stärker in ihr wurde.
Dein Zorn lenkt dich ab , sagte er. Konzentriere dich auf das Licht, dann …
Noch ein Wort, und ich schlage dir dein verdammtes Licht um die Ohren , zischte sie, aber kaum dass sie sich erneut die Zehen stieß, fühlte er, dass sie die Kälte ihres Oreymons rief. Sie wehrte sich noch immer gegen den Glanz der Engel, und irgendetwas an dem kindlichen Trotz, mit dem sie auf jede Errungenschaft seines Volkes sah, ließ ihn lächeln. Nando hingegen nutzte die Kraft des Lichts mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte er nie etwas anderes getan. Avartos sah ihn vor sich, am ganzen Leib zitternd über dem tosenden Abgrund, und ihn überkam Stolz angesichts dieses Bildes. Der Sohn des Teufels trotzte der Dunkelheit mithilfe des Lichts – und er hatte ihn dazu befähigt! Und doch hatte er auch den Kampf in Nandos Augen toben sehen, jenen Kampf zwischen Licht und Schatten, der ihn mit jedem weiteren Schritt in die Finsternis stärker an seine Grenzen treiben würde und vielleicht darüber hinaus. Denn Nando war ein Nephilim, nicht geschaffen für reines Licht und vollendete Dunkelheit. Avartos hörte, wie der Sohn des Teufels sich hinter ihm das Knie an einem Felsen stieß, und nickte unmerklich. Nicht grundlos war er mit ihm in die Schatten hinabgestiegen. Sollte Nando vergessen, wer er war, musste Avartos ihn daran erinnern. Jedenfalls wenn sie in den nächsten Jahrhunderten noch ihr Ziel in diesen elenden Katakomben erreichen würden – welches es auch war.
Hadros hatte kaum ein Wort gesprochen, seit er Nando geheilt hatte. Er war nur aufgestanden, hatte sie der
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