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Die Chroniken der Schattenwelt: Angelos (German Edition)

Die Chroniken der Schattenwelt: Angelos (German Edition)

Titel: Die Chroniken der Schattenwelt: Angelos (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Gesa Schwartz
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inmitten der Finsternis. Hadros musste keinen Schatten fürchten. Er beherrschte die Kraft des Lichts in Perfektion.
    Ein leises Klopfen unterbrach seine Gedanken. Rasch öffnete er die Tür und musste lachen, als er in Noemis verschlafenes Gesicht schaute.
    »Ich habe kein Auge zugetan«, flüsterte sie. »Die halbe Nacht habe ich meinen eigenen Herzschlag so laut gehört, dass ich nicht einschlafen konnte, und in der übrigen Zeit rechnete ich damit, dass diese verfluchten Mönche mein Zimmer stürmen und mich in irgendeinem widerwärtigen Ritual opfern würden. Diese Stille ist schlimmer als der Lärm der Marktschreier in Katnan.«
    Nando zog sich seinen Mantel über die Schultern und trat zu ihr auf den Gang. »Warum flüsterst du?«, fragte er nicht lauter. »Ich glaube, die Mönche können Gedanken hören wie andere Wesen Trommelschläge. Es wird sinnlos sein, etwas vor ihnen verbergen zu wollen.«
    »Möglich«, erwiderte Noemi mit finsterer Miene. »Aber ich mag es nicht, meine Stimme wie Geistergesang durch die Gewölbe hallen zu hören. Verdammt, wir hätten uns sofort auf den Weg machen sollen, ganz gleich wohin!«
    »Es hätte keinen besonders guten Eindruck gemacht, wenn wir nach wenigen Schritten vor Schwäche umgekippt wären.«
    Noemi verzog das Gesicht und holte eine Papiertüte aus ihrer Tasche, die sie Nando entgegenhielt. »Apropos umkippen: kalte Maronen. Ich habe keine Ahnung, wo Avartos sie herhat, aber sie schmecken gar nicht schlecht und sind wohl unser einziges Frühstück.«
    Kalt war untertrieben, die Maronen fühlten sich eisig an. Erst nach einigen Bissen bemerkte er, wie hungrig er war, und damit war er nicht allein. Ein ausgiebiges Gähnen verkündete, dass Kaya ihren Schlaf beendet hatte. Zerzaust landete sie auf Noemis Arm und stopfte sich zwei Kastanien auf einmal in den Mund, sodass sie aussah wie ein gieriges Eichhörnchen.
    »Befundernsfert«, nuschelte sie und schluckte. »Bewundernswert, meine ich, wie früh unser Engel aus den Federn springt und für unser leibliches Wohl sorgt.«
    Noemi schaute nachdenklich auf die Tüte. »Manchmal glaube ich, er schläft nie und wartet nur darauf, mich mit einem Poltern an der Tür zu wecken, das mich so abrupt wie möglich vom Bett auf den Boden befördert, so wie gerade eben. Er erwartet uns mit Hadros im Hauptsaal, und er klang ungeduldig. Vermutlich hat auch er genug von diesem Ort.«
    Wie zur Untermalung ihrer Worte strich in diesem Moment der Wind über den Gang und fuhr Nando in den Nacken. Mit angezogenen Schultern machten sie sich auf den Weg. Sie wichen den Mönchen aus, die an ihnen vorüberschlichen, passierten einen Spiegelkorridor, aus dessen Nebenräumen Kampfgeräusche drangen, und erreichten schließlich den Hauptsaal. Auch hier zerrissen vereinzelte Fackeln die Dunkelheit, doch die stärkste Lichtquelle war noch immer der Schrein, der nun in der Luft über einem großen Holztisch schwebte.
    Avartos hatte auf einem der vier Stühle Platz genommen, und neben ihm, die Beine lässig vor sich ausgestreckt, saß Hadros und schaute ihnen entgegen. Carmenya war nirgends zu sehen.
    Nandos Herzschlag beschleunigte sich, als sie näher traten. Selbst in diesem Zwielicht glommen Hadros’ Spiegelaugen in strahlendem Gold, und es gelang ihm nur mit Mühe, den Blick abzuwenden.
    »Ihr kommt spät«, stellte Avartos fest, aber er klang nicht ärgerlich. Vielmehr betrachtete er prüfend die Spuren der vergangenen Nacht auf ihren Gesichtern. Noemi stopfte die Tüte mit den Maronen in ihre Tasche und setzte sich mit verschränkten Armen neben ihn, während Nando gegenüber von Hadros Platz nahm. Kaya hockte sich vor ihm auf die Tischplatte. Der Glanz des Schreins legte sich auf ihre Gesichter.
    Für einen Moment schaute Hadros von einem zum anderen. Er lächelte, spöttisch und belustigt, dann setzte er sich auf.
    »Ihr habt mich gesucht«, begann er, und seine Stimme füllte umgehend den gesamten Raum. »Ihr habt mich gefunden. Ihr habt mich um Hilfe gebeten, und ich werde sie euch gewähren. Doch hierfür erfüllt ihr meine Bedingungen: Ihr stellt keine unnützen Fragen. Ihr steht nicht in meinem Weg. Ihr werdet lernen, was ihr wissen müsst, um auf diesem Weg zu bestehen. Und vor allem anderen werdet ihr unsere Pläne ebenso geheim halten wie eure wahre Identität, bis unsere Mission erfüllt wurde.«
    Kaya verschränkte die Arme angesichts der Aussicht, den störenden grauen Schleier noch länger auf ihrer Geige dulden zu müssen, und

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