Die Chroniken der Schattenwelt: Angelos (German Edition)
Finger rieseln. Er war kalt und heiß zugleich, ebenso wie Hadros’ Stimme, die nun an sein Ohr drang.
»Ja«, raunte der Engel. »Es war der Krieg, der die Wüste des Lichts erschuf. Doch die Stärke der Engel erlosch nicht in ihr, so wie auch die Macht der Dämonen noch immer die Unterwelt jenseits des Evrons durchzieht. Manche sagen, dass dies an der Kraft der Ersten Stunde liegt, die einst die Welt errichtete, einem Schimmer, der nicht zurückzunehmen und nicht umzukehren ist und in dem Licht und Schatten so nah beieinanderliegen, dass sie zu einem überirdischen Schein verschmelzen. Andere behaupten, dass der Zorn der Gefallenen diese Gewalten aufrechterhält. So oder so ist das Licht der Wüste ewig. Menschen würden darin erblinden, und ich weiß, dass mein Volk in früheren Zeiten Nephilim hineintrieb, die bald bei lebendigem Leib verbrannten.«
Nando spürte Noemis Schweigen und meinte, Avartos’ Blick sehen zu können, diese stille Aufmerksamkeit, mit der der Engel Noemi bedachte, ohne es vielleicht selbst zu merken. Hadros schwieg ebenfalls, erhaben selbst in seiner eigenen Stille, und als Nando über die Dünen schaute, spürte er wie so häufig in letzter Zeit, dass er kein gewöhnlicher Mensch mehr war. Sein Auge ertrug den kristallenen Glanz, der vor ihm lag, mehr noch: Sein Blick flog wie ein Vogel darüber hin und weidete sich daran, und er wusste, dass er von nun an jedes nächtliche Leuchten an dieser Weite messen würde, die grausam und wunderschön zugleich vor ihm lag. Er spürte instinktiv, dass mehr in diesem Licht lag, und kaum hatte er das gedacht, strengte er seinen Blick an, um tiefer vorzudringen in das Wunder, in das er geraten war.
»Dieses Licht ist die Reinheit der Engel«, sagte Hadros. »Aber es ist auch ihre Kälte und Grausamkeit, und mitten darin liegen die Sanmar Fhyr – die Pforten des Frosts.«
Nando hielt den Atem an, denn er hörte die Worte, die der Wind nun flüsterte. Dhrofandur Srkimar , raunte es von allen Seiten. Lhaar Saronhum dhur Mhardram Hedon’ya. Geistergleich stob der Sand über die Dünen. Traum der gleißenden Nacht, bedeuteten die Worte des Windes. Ziel der Phantasie und Tod der Sehnsuchtsvollen. Nando wusste nicht, was damit gemeint war, aber da glommen Lichtquellen überall in der Wüste auf. Oasengleich erhoben sie sich in dem Meer aus Sand. Die meisten waren weit entfernt, doch ein Portal bildete sich ganz in der Nähe. Auf den ersten Blick wirkte es wie ein haushoher, reich verzierter Spiegel, aber als Nando näher trat, sah er Bilder über die Fläche gleiten. Er erkannte Engelsgestalten, auch Dämonen und Menschen. Ihre Körper flossen ineinander und formten sich neu, überwältigend kraftvolle Farben schufen Landschaften, die es nur in Träumen geben konnte, und noch ehe sich der Gedanke klar in ihm herausbildete, spürte er, dass es tatsächlich Träume waren, die er sah – doch nicht die Träume von Sterblichen. Niemals hätten solche Formen, solche Farben und Gedanken von einem Menschenhirn erdacht werden können, zu schön, zu vollkommen waren sie und gleichzeitig so fremd, dass er im selben Moment vor ihnen zurückweichen und sie berühren wollte. Eine unerschöpfliche Macht lag darin und durchströmte Nando wie das Gefühl einer einzigartigen Idee, nur größer, vollendeter, dass er wünschte, seine Augen würden sich in die Farben dieses Spiels verwandeln, um ganz darin aufgehen zu können. Dabei war es nicht mehr als eine Reflexion, ein Abbild von dem, das dahinterlag – jenseits der Wüste, auf der anderen Seite des Lichts.
Cor Wanoy , flüsterte der Wind, und es klang wie ein lang vergessenes Lied.
»Die Uralten meines Volkes«, sagte Hadros. »Jene Engel aus den Annalen der Ersten Zeit, von denen man sagt, dass sie der Atem der Welt seien – jene, die nicht sterben können, da sie zu mächtig dafür sind. Auf ewig ist Andra Amyon ihnen verwehrt, doch hier fanden sie Ruhe vor der Hitze der Zeit, hier hinter den Pforten ihrer Träume – sie, die Ersten Engel dieser Welt.«
Nando schaute mit weit aufgerissenen Augen auf das Portal. Kaum eine Armlänge war es mehr von ihm entfernt, dieses Tor, dessen Existenz er bisher für eine Legende gehalten hatte. Er fühlte die Kälte, die sich nun knisternd über die Bilder zog, sah zu, wie sich ein Gesicht aus ihnen formte, das mit geschlossenen Augen auf ihn herabsah, und stand gleich darauf einer Sphinx gegenüber, die so echt wirkte, als wäre sie wirklich da.
Sie ist es , flüsterte
Weitere Kostenlose Bücher