Die Chroniken der Schattenwelt: Angelos (German Edition)
der Wind. Du bist der Träumer in ihrer Welt, Nando Teufelssohn.
Nando sah sich von außen, winzig klein vor dem gewaltigen Tor, und er begriff, warum Hadros ihn an diesen Ort geführt hatte. Hinter diesem Portal wartete Bhalvris auf ihn. Das Schwert ruhte im ewigen Licht der Ersten Engel, und nur ein Krieger, der ihm standhielt, würde es erlangen können. Nando schwankte, wenn er daran dachte, dem Cor Wanoy gegenübertreten zu müssen, doch nur für einen Moment. Denn gleichzeitig brannte die Sehnsucht nach diesem Licht in ihm, und als er die Hand nach dem Portal ausstreckte, loderte sie heftig auf. Jeder Funken seines Oreymons würde erlöschen in diesem Glanz, vielleicht würde er selbst verbrennen, aber es kümmerte ihn nicht. Er wollte nichts mehr, als ganz in der erhabenen Stille dieses Scheins aufzugehen und jede Unruhe, jeden Zweifel, jede Schwäche für alle Zeit hinter sich zu lassen.
Sieh mich an , flehte er in Gedanken.
Und da öffnete die Sphinx die Augen. Gleißendes Licht floss über ihre Wangen. Zunächst sah es weiß aus wie Schnee, aber in Wahrheit war es von reinstem Gold. Die Luft gefror, Nando konnte es hören, doch er atmete nicht mehr. Nie zuvor hatte er ein solches Leuchten gesehen, nie war sein Verlangen nach diesem Glanz so stark gewesen wie in diesem Moment. Er sah, wie das Licht seine Finger traf und mit Eis überzog, und kurz flutete es ihn mit solcher Macht, dass er meinte, in ewigem Feuer zu verbrennen, ohne mehr zu empfinden als Demut und Dankbarkeit. Der Frost zog sich über seine Glieder. Er sah noch, wie sich die Augen der Sphinx gänzlich öffneten, erwiderte ihren Blick – und dann kam der Schmerz.
Er war so heftig, dass Nando geschrien hätte, wenn das Licht nicht in seinen Rachen gedrungen wäre. Es riss an seinen Muskeln, spannte seine Sehnen, und erst als er mit aller Willenskraft den Blick fortriss, erlosch die Helligkeit um ihn herum. Keuchend fiel er auf die Knie und hielt sich den Arm, der taub geworden war. Die Sphinx überzog sich mit haarfeinen Rissen – und zersprang in tausend Farben, die sich erneut zu einem größeren Bild zusammenfügten. Als er näher trat, schaute er sich selbst ins Gesicht, zusammengesetzt aus tausend unwirklichen Farben, das Antlitz in kindlichem Staunen verzogen und mit Augen, die für einen winzigen Moment ebenso golden aufflammten wie das Licht, das soeben erloschen war.
Dann löste sich die Illusion auf, und Nando fand sich im Hauptsaal der Mönche wieder.
»Eine kleine Vorwarnung wäre nett gewesen«, murmelte Noemi und fuhr sich durchs leicht zerzauste Haar. Offensichtlich hatte auch sie Bekanntschaft mit der Sphinx gemacht.
»Eine Vorwarnung?«, fragte Hadros amüsiert. »Hier ist sie, junges Halbblut: Von nun an kann jeder falsche Schritt dich das Leben kosten. Sollte dich das ängstigen, hast du jetzt die Gelegenheit, in die Schatten zurückzukehren, die dich geboren haben.«
Noemi musste sich sichtlich zwingen, keine schnippische Antwort zu geben. Mit zusammengepressten Zähnen schaute sie vor sich auf die Tischplatte, als wollte sie ein Loch hineinbrennen.
»Ihr seid Krieger«, fuhr Hadros ernster fort. »Oder irre ich mich? Ihr solltet nicht glauben, dass ich meine Zeit mit Dingen verschwende, die ein Engel bereits in der Grundausbildung beherrscht.«
Avartos beugte sich leicht vor. »Sie sind Krieger«, stimmte er zu. »Aber der Weg, den Ihr vorschlagt, ist selbst für gestandene Ritter der Garde gefährlich. Ich kenne die Legenden um die Pforten des Frosts, nur eine liegt nah genug, um sie in angemessener Zeit erreichen zu können, und allein der Weg dorthin ist kaum zu bestreiten.«
»Er ist es«, erwiderte Hadros ruhig. »Denn ich bin ihn gegangen.«
Er ließ Avartos nicht aus den Augen, doch obgleich sein Blick etwas Stechendes bekam, wandte dieser sich nicht ab. »Ihr seid ein alter und mächtiger Engel«, entgegnete er. »Ein Krieger, der den Teufel verwundete und den Hexenmeister Askramar bezwang.«
»Du meinst, dass ich nicht der Teufelssohn bin, der die Kraft seines Vaters in sich trägt und seinen Obersten Schergen niederstreckte?« Er maß Avartos mit sichtbarem Spott. »In der Tat, mein junger Freund, es war leichtsinnig von mir, mich in die Wüste des Lichts zu begeben und ihren Gefahren zu trotzen mit nicht mehr als einem Paar armseliger Schwingen und etwas Magie. Und du hast recht: Die Wüste ist gefährlich, ganz besonders für jene, die den Weg des Lichts aus den Augen verloren haben. Wenn sie nicht
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