Die dreizehnte Gabe: Der Dunkle Wald (Die 13. Gabe) (German Edition)
sein
Gesicht krochen. Lavinia
schrie.
»Tritt
ihn weg! Schnell!«
Sie
konnte nicht. Die kalte schleimige Hand umklammerte den Knöchel
so fest, bis sie ihn knacken hörte. Gleichzeitig erschütterte
ein unbeschreiblicher Schmerz ihre Knochen bis hinauf in ihre Rippen.
Sie konnte sich nicht wehren und
musste an die Welt denken, in der sie landete, als sie das erste Mal
gestorben war. Würde sie nach einem Zombiebiss ebenfalls dort
landen? Oder kam sie in die Hölle?
Eine
Made kullerte auf Lavinias Fuß. Im selben Moment erwachte ein
herrliches warmes Gefühl in ihr, das sich von ihrem Herzen bis zu ihren
Waden und schließlich bis zum Fuß ausbreitete. Ihr
Knöchel knackte ein zweites Mal. Sie spürte,wie der Schmerz
nachließ. Das Grinsen des Försters erstarrte und seine
Hand, die Lavinias Knöchel umfasste, fing Feuer. Sein Griff
lockerte sich und Nadia zog sie mit einem Ruck durch die sich
schließenden Wurzeln. Sie landeten nebeneinander im kalten
Schnee vor der inzwischen riesigen Wurzelbarrikade. Von überall
her bewegten sich Hunderte Äste auf sie zu.
Mit
einem undefinierbaren Laut zog Nadia Lavinia auf die Beine. Sie
rannten ins Gebüsch zurück.
Nach
St. Benedikt konnten sie nicht mehr, dieser Weg war abgeschnitten.
Ihnen blieb nur noch das Portal auf die Erde.
Die
Bäume beugten sich laut ächzend zu ihnen herunter, um sie
mit ihren Ästen peitschen zu können. Ein dünner
Striemen fetzte Lavinia die Lippe auf, ein dumpfes schmerzhaftes
Pochen breitete sich von ihrem Mund auf den Rest ihres Gesichtes aus.
Die
Luft toste, als würde ein Tornado über sie hinwegfegen,
Schneestaub, der gespenstisch im Mondschein glitzerte, nahm Lavinia
jegliche Sicht. Nadias Arm, der ihren gepackt hatte, verschwand in
dem Wirrwarr aus herumfliegenden Ästen, Schnee und Blutstropfen.
Etwas zog an ihr und sie fiel mit dem Gesicht vornüber in den
Schnee.
Eine
plötzliche Stille legte sich über Lavinia. War sie tot? Sie
öffnete die Augen und erblickte gefrorenen Dreck. In ihrem
Sichtfeld richtete sich Nadia auf. Lavinia blickte gen Himmel und
erschrak fürchterlich.
»Schon
gut, wir sind im Wald auf der Erde. Das ist nicht mehr der Dunkle
Wald«, beruhigte Nadia sie.
Sie
hatten es geschafft, sie hatten es tatsächlich aus dem wütenden
Wald geschafft. Obwohl Lavinia im eiskalten Schnee lag, schwitzte
sie. Das Leuchten, das Lavinia beim Angriff des Zombies erfasst
hatte, war abgeflaut.
N adias
Beine zitterten, als wären sie aus Gummi. Sie wusste zwar, dass
sie nicht mehr im Dunklen Wald waren, doch kam ihr die Stille des
irdischen Waldes ebenfalls trügerisch vor. Sie half Lavinia,
aufzustehen und ging Händchen haltend mit ihr zum Haus. Nur weg
von allen Bäumen dieser Welt! Kein Ast regte sich, das einzige
Seltsame war, wie sie schnaufend, schwitzend und blutend durch den
finsteren Wald zum Haus gingen.
Keiner
würde mehr in den Dunklen Wald hineinkommen. Er hatte sich
verbarrikadiert.
»Scheiße!«,
analysierte Lavinia das Geschehene treffend. »Was war das?«
Sie
hatte sich auf die Steinstufen gesetzt und rieb sich ihren Knöchel.
Angewidert schoss sie eine Made von ihren zerstörten Schuhen.
Nadia
blickte sich verstört um.
Lavinia
stand auf und schob die schwere Holztür auf.
Alle
Lichter waren aus und kein Ton war zu hören. Vermutlich war
Heidi bereits schlafen gegangen.
Sie
waren dankbar darum. Wie sollten sie ihr erklären, warum sie so
zugerichtet waren? Schmutzig, blutig und schweißgebadet. Mit
immer noch zitternden Knien schlichen sie auf ihre Zimmer.
Pixies
Der
Dunkle Wald hatte sich gegen alle Eindringlinge verbarrikadiert und
niemand kam mehr hinein oder heraus. Motzig meinte, die Menschen, die
sich noch in ihm aufgehalten hatten, würde es wohl nicht mehr
geben. »Ihr seid verrückt, dass ihr euch da reingewagt
habt! Auch noch allein!«« hatte er Lavinia und Nadia
gescholten.
»Nur
weil wir Frauen sind …«, hatte Lavinia daraufhin
beleidigt gesagt und Motzig verhielt sich von da an abweisend zu ihr.
Außerdem schlief er seit
der Nacht im Dunklen Wald nicht mehr in Nadias Bett. Er war doch ihr
Freund? Eigentlich hatte nie einer von ihnen darüber gesprochen.
Vielleicht war sie auch nur ein Zeitvertreib für.
Schließlich war er auch an Heiligabend nicht da gewesen und
wollte auch nicht verraten, wo er war.
*
Der
Stadtwalter von St. Benedikt konnte sich die Misere nicht erklären.
Seine Not war groß denn seine Stadt befand sich genau in der
Mitte des Dunklen Waldes und die
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