Die einsamen Toten
Es wurde überall Bahnarbeiterfriedhof genannt.«
»Mannomann«, warf Murfin ein. »Sie machen mir ja richtig Angst. Ich glaube, da ist mir Diane Fry doch lieber.«
Norton sah ihn verständnislos an. »Die Männer hatten kaum was zu beißen und kein sauberes Wasser«, erklärte er. »Sie schufteten sieben Tage die Woche unter entsetzlichen Bedingungen, waren permanent durchnässt und durchgefroren im Winter. Es ist nicht überraschend, dass so viele gestorben sind. Irgendjemand hat mal ausgerechnet, dass die Sterblichkeitsrate unter den Arbeitern von Woodhead höher war als die britischer Soldaten in der Schlacht von Waterloo.«
»Moment mal«, unterbrach ihn Cooper. »Waterloo?«
»Das war ungefähr zwanzig Jahre, bevor der erste Tunnel begonnen wurde.«
»Stimmt.«
»Die Straßenarbeiter waren fürchterlich abergläubisch, wissen Sie. Es kam zu so vielen Katastrophen, dass sie dachten, mit ihren Sprengungen und Bohrungen hätten sie einen bösen Geist gestört, der bis dahin im Berg geschlafen hatte. Die Geschichte besagt, dass sie deswegen symbolische Gesichter in die Steinquader über diesen Portalen geschnitzt hätten, um das Böse in Schach zu halten.«
Cooper folgte seinem Blick. »Ich kann nichts sehen.«
»Nein.« Norton seufzte. »Die Bauarbeiter waren doch allen egal. Erst hinterher wurden die Umstände publik, unter denen sie schuften mussten. Im Frühling kam es vor, dass die Tunnel überflutet und die Männer permanent patschnass waren. Sie mussten sich mit Qualm und Gas herumschlagen, und die Schicht dauerte vierundzwanzig Stunden, ohne Pause. Die ersten Tunnelbauer hausten damals mit vierzehn anderen in Lehmbaracken und wurden über das Moor mit dem Lebensnotwendigen versorgt. Sie zahlten von sich aus in eine Gemeinschaftskasse ein, um sich wenigstens einen Arzt leisten zu können
– die Betreibergesellschaft kümmerte sich um nichts. Das Einzige, das billig war, war Bier, und viele waren dem Alkohol verfallen, als die Tunnel fertig waren. Ältere Straßenarbeiter gab es quasi nicht. Sie konnten von Glück reden, wenn sie vierzig wurden.«
»Hat man Sie hierher geschickt, um die Touristen zu unterhalten?«, fragte Murfin. »Oder trainieren Sie für einen Job auf Schloss Dracula in Transsilvanien?«
Norton ignorierte ihn. »Und wissen Sie was?«, fuhr er fort. »Bereits 1843 standen für den Tunnelbau dampfgetriebene Schaufelbagger zur Verfügung, aber die hat man hier nicht eingesetzt. Menschenleben kamen billiger.«
»Wo befand sich diese Barackensiedlung?«, fragte Cooper.
»Wo sie war? Wieso fragen Sie? Sie sagten doch, Sie kämen von dort.«
Cooper starrte Norton verständnislos an. »Von wo?«
»Na, von Withens natürlich.«
»Withens war ursprünglich eine Barackensiedlung für Stra ßenarbeiter?«
»Dort hausten fünfhundert Männer während der Arbeit an den Tunneln in Lehmhütten, auf deren Dach das Heidekraut wuchs. Das mag man sich gar nicht vorstellen, nicht wahr? Nicht bei den Wintern hier oben.«
Cooper warf erneut einen Blick auf die dunklen Öffnungen der alten Eisenbahntunnel und erwartete förmlich, Ratten über den schmutzigen Boden huschen zu sehen. Bis auf die Stahlzäune und die Tore war der Zugang zu dem neueren Tunnel völlig unverbaut. Ein neues Gleisbett genügte, und schon wäre er bereit für die neuen Eurostar-Expresszüge.
Irgendwo entlang der drei Meilen langen Strecke befand sich der niedrige Schlund des Luftschachts, der sich sechzig Meter darüber auf dem Withens Moor öffnete. Cooper fragte sich, ob die Ratten auch im Innern des Luftschachts unterwegs waren. Er konnte sich gut vorstellen, wie sie zwischen einem Parcours
aus Steinen ihren Weg im Zickzack nach oben suchten. Wie sie immer wieder vor den Hindernissen zurückzuckten, stehen blieben, die Nase schnüffelnd in die Luft reckten und weiterliefen. Er stellte sich vor, wie sie in fast vollständiger Stille nach oben kletterten und ihre Schwänze hinter sich herzogen, während ihre bleichen Füßchen und ihre langen Krallen Halt in dem bröckeligen Mörtel fanden. Wie sie allmählich aus der Dunkelheit hinaus ins Moor gelangten. Hinaus auf das Moor, wo Neil Granger gestorben war.
17
Z erschmettert wie ein Blumentopf aus Ton«, erklärte Juliana Van Doon und ließ aus dem Schlauch Wasser über den Seziertisch laufen, um das Blut und andere Körperflüssigkeiten abzuwaschen.
»Verzeihen Sie«, sagte Diane Fry. »Aber das klingt mir nicht sehr wissenschaftlich.«
Neugierig betrachtete sie die
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