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Die Enden der Parabel

Titel: Die Enden der Parabel Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Thomas Pynchon
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Dampfpfeife, an die Gerüche nach Schweiß, Zigarettenrauch und Dieselöl, das Zittern der Arm- und Beinmuskeln, die müden Witzeleien, die allabendliche Erschöpfung, wenn seine frischen Schwielen golden glänzten im Licht der untergehenden Sonne ...
    Das Meer war meistens glatt und blau in jenem Sommer, bis im Herbst das Wetter umschlug. Von Norden brach Regen ein, die Temperaturen sanken, der Sturm riß die Lagerzelte auf und jagte nächtelang riesige Wellen gegen die Insel. Noch fünfzig Meter vor dem Strand war das Wasser weiß vom Schaum. Von den Kronen der großen Brecher fiederte der Gischt landeinwärts. Pökler, der in eine Fischerhütte einquartiert war, kehrte von seinen abendlichen Gängen hinter einer dünnen Maske aus Salz zurück. Lots Weib. Aufweiche Katastrophe hatte er gewagt zurückzuschauen? Er wußte es.
    Er fiel in dieser Jahreszeit zurück in seine Kindheit, zu dem verletzten Hund. Auf seinen nassen, einsamen Spaziergängen grübelte er über Leni nach: er dachte sich Gedankenspiele aus, in welchen sie sich wiedertrafen, in irgendeinem eleganten und dramatischen Ambiente - einem Ministerium, dem Vestibül eines Theaters -, wo zwei oder drei juwelengeschmückte schöne Frauen an ihm hingen und Generale oder Industrielle dienstfertig herbeisprangen, um ihm seine amerikanischen Zigaretten anzuzünden und zu hören, wie er Lösungen für Probleme aus dem Ärmel schüttelte, die Leni kaum begriff. Die befriedigendsten dieser Phantasien kamen Pökler meistens auf dem Klo - er klopfte mit den Fußspitzen auf den Boden, hörte Fanfaren durch seine Lippen wispern und genoß das angenehme Vorgefühl... -Doch die Last seines armseligen Berliner Ichs blieb bei ihm. Er hatte im Guten zu ihm gesprochen, hatte ihm zugehört, hatte es erforscht, und dennoch wollte es sich weder auflösen noch ihn verlassen: es blieb, ein Bettler vor allen Türen seines Lebens, mit schweigend-flehentlichem Blick und Händen, die sich ihrer Fertigkeit beim Modellieren seiner Schuld recht sicher waren. Die Arbeit in Peenemünde, die angenehme Gesellschaft in Halligers Gasthof auf der Oie, der ganze Leerlauf des Wartens auf gutes Schußwetter, alles machte Pökler anfälliger, als er es je gewesen war. Seine kalten und frauenlosen Nächte, die Kartenspiele und Schachpartien, die männerbündlerischen Bierbesäufnisse, die Alpträume, aus denen er selbst den Ausstieg finden mußte, da keine Hand mehr da war, ihn wachzurütteln, keiner, ihn zu halten, wenn die Schatten auf dem Fenstersegel erschienen - all das ergriff von ihm Besitz in jenem November, und vielleicht ließ er selbst es sogar zu. Aus einem Schutzreflex. Weil etwas Schreckliches mit ihm passierte. Weil er ein- oder zweimal, tief im Vormorgengrau des Ephedrins, als er sein Ja-ja-stimmt-schon zu einem Entwurf nickte, den er nicht in, sondern auf seinem Kopf trug, den er knapp außerhalb seines Sehfelds, fast symmetrisch, aus sich herauspulsieren fühlte - eines Wegdriftens gewahr wurde.... eine vermutete Version seiner selbst ging hinüber in
    Berechnungen und Pläne, in die Diagramme und sogar die unvollkommenen Geräte, die es erst gab ... jedes Mal, sobald er es bemerkte, geriet er in Panik, zog sich zurück in die Fluchtburg des Erwachens, mit hämmerndem Herzen, verkrampften Händen und Füßen, ein leises, behauchtes hunh einziehend mit seinem Atem -Etwas war hinter ihm her, etwas wollte ihn holen, hier, inmitten der Papiere. Die Angst vor dem Ausgelöschtwerden, die Pökler hieß, wußte, daß es die Rakete war, die ihn zu sich lockte. Und wenn er auch ahnen mochte, daß solche Auslöschung ein Ausweg sein konnte aus seiner Einsamkeit und seinem Versagen, so war er doch nicht völlig überzeugt... So oszillierte er, wie eine Röhre mit verrauschtem Eingang, über die Null hinweg, zwischen den beiden Polen seiner Sehnsucht, persönlicher Identität und unpersönlicher Erlösung. Mondaugen sah das alles. Sein Blick drang in Pöklers Herz. In seinem Mitleid wußte er, kaum überraschend, keinen einfachen Rat für seinen Freund. Pökler mußte seinen eigenen Weg zu seinem Nullsignal finden, seinen wahren Kurs.
    Im Lauf des Jahres 1938 begannen die Anlagen in Peenemünde Gestalt anzunehmen, und Pökler übersiedelte auf das Festland. Mit wenig mehr Referenzmaterial als Stoddas Arbeit über Dampfturbinen und gelegentlichen hilfreichen Daten aus Universitätsinstituten in Hannover, Darmstadt, Leipzig und Dresden testete die Triebwerksgruppe einen Raketenofen mit

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