Die Enden der Parabel
meine Margherita. Sie hat sich im Klo eingesperrt. Völlig hysterisch. Keiner kann sie rausholen."
"Warum schauen Sie mich dabei an? Was ist mit Thanatz?" "Thanatz ist verschwunden, und Bianca dito." "Oh, Scheiße."
"Margherita glaubt, Sie haben sie umgebracht."
"Ich nicht." Er erzählt in Kurzfassung, was ihm Leutnant Morituri eben berichtet hat. Stefanias Schwung und Spannkraft geben sichtlich nach. Sie kaut auf einem Fingernagel.
"Ja, es gab Gerüchte. Sigmund, ehe er verschwand, ließ immer gerade genug durchblicken, um die Leute neugierig zu machen, aber er redete nie Klartext. Das war so seine Art. Hören Sie, Slothrop, glauben Sie, daß Bianca in Gefahr ist?" "Ich werd versuchen, das rauszukriegen." Als ihn ein schneller Arschtritt unterbricht. "Pech für Sie", kräht eine Stimme von hinten. "Ich bin der einzige an Bord, der Niederpommersch kann." "Pech für Sie", nickt Stefania.
"Und ich wollte nichts als eine Freifahrt nach Swinemünde."
Aber Stefania antwortet: "Umsonst ist nur eine Fahrt. Inzwischen können Sie schon mal anfangen, das Fahrgeld für diese abzuarbeiten. Gehn Sie zu Margherita!" "Sie wollen, daß ich - was soll das?" "Wir wollen nicht, daß irgend etwas passiert."
Eins der ungeschriebenen Gesetze auf diesem Kahn. Nichts soll passieren. Tja. Höflich rammt Slothrop den Rest seiner Zigarre zwischen Mme. Procalowskas Zähne und geht. Sie stößt eine Rauchwolke aus und Fäuste in die weiten Sweatertaschen. Im Maschinenraum ist Bianca nicht. Unter dem pulsierenden Licht der Glühbirnen bewegt sich Slothrop zwischen asbestverpackten Massen, verbrennt sich ein- oder zweimal, wo Isolierung fehlt, starrt in bleiche Nischen, Schatten, beginnt sich um seine eigene Isolierung zu sorgen. Nichts als Maschinen, Lärm. Er nähert sich der Leiter. Ein Fetzen Rot wartet auf ihn... nein, nur ihr Kleid, mit einer feuchten Spur seines Samens noch am Saum ... die laute Feuchtigkeit in diesem Raum hat ihn bewahrt. Er kauert sich nieder, drückt ihr Kleid an sich, riecht ihren Geruch. Ich bin ein Kind, ich weiß, wie man sich versteckt, und ich kann auch dich verstecken. "Bianca", ruft er, "Bianca, komm raus!"
Vor der Klotür lungert ein Sortiment von Oberschichtsbesoffenen, die mit ihrem Verhau aus Gläsern und Flaschen den Durchlaß blockieren, unterstützt von einem Zirkel von Kokainisten, denen Schneeflocken von den Spitzen gold- und
rubinverzierter Dolche in die Wälder ihres Nasenhaars wehen. Slothrop kämpft sich durch, stützt sich gegen die Tür und ruft Margheritas Namen. "Geh weg!"
"Du mußt nicht rauskommen. Laß mich einfach rein!"
"Ich weiß, wer du bist."
"Bitte."
"sie waren sehr clever, dich als den armen Max zu schicken. Aber jetzt nützt dir das nichts mehr."
"Ich bin fertig mit ihnen. Ich schwör's. Ich brauche dich, Greta." Scheißdreck. Wozu? "Dann werden sie dich umbringen. Geh weg!" "Ich weiß, wo Bianca ist." "Was hast du mit ihr gemacht?"
"Einfach nur - wirst du mich jetzt reinlassen?" Nach einer vollen Minute Schweigen
tut sie's tatsächlich. Ein, zwei Spaßvögel versuchen nachzudrängen, aber er wirft die
Tür zu und verriegelt sie wieder. Greta trägt nichts als ein schwarzes Unterkleid.
Geraufte Strähnen von schwarzem Haar ringeln sich hoch auf ihren Schenkeln. Ihr
Gesicht ist weiß, alt, angespannt.
"Wo ist sie?"
"Sie versteckt sich."
"Vor mir?"
"Vor ihnen."
Ein rascher Blick. Zu viele Spiegel, Rasierklingen, Scheren, Lichter, zu weiß. "Aber
du bist doch einer von ihnen!"
"Hör auf damit, du weißt, daß es nicht stimmt."
"Es stimmt. Du bist aus dem Fluß gekommen!"
"Schon, aber nur, weil ich reingefallen war, Greta."
"Dann haben sie dich reingeschmissen."
Er beobachtet, wie sie nervös in ihrem Haar spielt. Die Anubis hat zu rollen begonnen, doch die Übelkeit, die in ihm aufsteigt, kommt aus seinem Kopf und nicht aus seinem Magen. Als sie zu sprechen beginnt, überschwemmt ihn Ekel: ein leuchtender schwarzer Schlammsturz von Ekel...
[3.17] Greta (meine eigene persönliche Stille)
Es war nie schwer für Männer, ihr zu sagen, wer sie sein sollte. Andere Mädchen ihrer Generation wuchsen mit der Frage auf: "Wer bin ich?" Es war eine quälende Frage für sie, voll innerem Kampf. Gretel spürte noch nicht einmal das Problem. Sie besaß mehr Identitäten, als sie beim besten Willen gebrauchen konnte. Manche dieser Gretels hatten kaum skizzenhafte Oberflächen -andere reichen tiefer. Viele haben die unglaublichsten Begabungen, Antischwerkraft,
Weitere Kostenlose Bücher