Die Erzaehlungen 1900-1906
Walter sah es und wandte sich ihm zu, da sah er in des Kranken Blick die Frage und die Bitte und fast eine Angst, und er fühlte plötzlich mit Mitleid und Schrecken, daß er es in der Hand habe, seinem sterbenden
Vater weh oder wohl zu tun. Dies Gefühl von ungewohnter Verantwortung
drückte ihn wie ein Schuldbewußtsein, er zögerte, und in einer plötzlichen
Regung gab er dem Vater die Hand und sagte leise unter hervorbrechenden
Tränen:
Ja, ich verspreche es.
Dann führte ihn die Mutter ins große Zimmer zurück, wo es nun auch zu
dunkeln begann; sie zündete die Lampe an, gab dem Knaben einen Kuß auf die
Stirn und suchte ihn zu beruhigen. Darauf ging sie zu dem Kranken zurück, der nun erschöpft tief in den Kissen lag und in einen leichten Schlummer sank.
Die großgewachsene, schöne Frau setzte sich in einen Armstuhl am Fenster
und suchte mit müden Augen in die Dämmerung hinaus, über den Hof und
die unregelmäßigen, spitzigen Dächer der Hinterhäuser hinweg an den bleichen Himmel blickend. Sie war noch in guten Jahren und war noch eine Schönheit,
nur daß an den Schläfen die blasse Haut gleichsam ermüdet war.
Sie hätte wohl auch einen Schlummer nötig gehabt, doch schlief sie nicht
ein, obwohl alles an ihr ruhte. Sie dachte nach. Es war ihr eigen, daß sie
entscheidende, wichtige Zeiten ungeteilt bis auf die Neige durchleben mußte, sie mochte wollen oder nicht. So hielt es sie auch jetzt, der Ermattung zum
Trotz, mitten in dem unheimlich stillerregten, überreizten Lebendigsein dieser Stunden fest, in denen alles wichtig und ernst und unabsehbar war. Sie mußte an den Knaben denken und ihn in Gedanken trösten, und sie mußte auf das
Atmen ihres Mannes horchen, der dort lag und schlummerte und noch da war
und doch eigentlich schon nicht mehr hierher gehörte. Am meisten aber mußte
sie an diese vergangene Stunde denken.
Das war nun ihr letzter Kampf mit dem Mann gewesen, und sie hatte ihn
wieder verloren, obwohl sie sich im Recht wußte. Alle diese Jahre hatte sie
den Gatten überschaut und ihm ins Herz gesehen in Liebe und in Streit,
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und hatte es durchgeführt, daß es ein stilles und reinliches Miteinanderleben war. Sie hatte ihn lieb, heute noch wie immer, und doch war sie immer allein geblieben. Sie hatte es verstanden, in seiner Seele zu lesen, aber er hatte die ihre nicht verstehen können, auch in Liebe nicht, und war seine gewohnten
Wege gegangen. Er war immer an der Oberfläche geblieben mit dem Verstand
wie mit der Seele, und wenn es Dinge gab, in denen es ihr nicht erlaubt und
möglich war, sich ihm zu fügen, hatte er nachgegeben und gelächelt, aber ohne sie zu verstehen.
Und nun war das Schlimmste doch geschehen. Sie hatte über das Kind mit
ihm nie ernstlich reden können, und was hätte sie ihm auch sagen sollen? Er
sah ja nicht ins Wesen hinein. Er war überzeugt, der Kleine habe von der Mutter die braunen Augen und alles andere von ihm. Und sie wußte seit Jahren
jeden Tag, daß das Kind die Seele von ihr habe und daß in dieser Seele etwas lebe, was dem väterlichen Geist und Wesen widersprach. Gewiß, er hatte viel
vom Vater, er war ihm fast in allem ähnlich. Aber den innersten Nerv, das-
jenige, was eines Menschen wahres Wesen ausmacht und geheimnisvoll seine
Geschicke schafft, diesen Lebensfunken hatte das Kind von ihr, und wer in
den innersten Spiegel seines Herzen hätte sehen können, in die leise wogende, zarte Quelle des Persönlichen und Eigensten, hätte dort die Seele der Mutter gespiegelt gefunden.
Behutsam stand Frau Kömpff auf und trat ans Bett, sie bückte sich zu dem
Schlafenden und sah ihn an. Sie wünschte sich noch einen Tag, noch ein paar
Stunden für ihn, um ihn noch einmal recht zu sehen. Er hatte sie nie ganz verstanden, aber ohne seine Schuld, und eben die Beschränktheit seiner kräftigen und klaren Natur, die auch ohne inneres Verstehen sich ihr so oft gefügt hatte, erschien ihr liebenswert und ritterlich. Überschaut hatte sie ihn schon in der Brautzeit, damals nicht ohne einen feinen Schmerz.
Später war der Mann in seinen Geschäften und unter seinen Kameraden
freilich um ein weniges derber, gewöhnlicher und spießbürgerlich beschränkter geworden, als ihr lieb war, aber der Grund seiner ehrenhaft festen Natur war doch geblieben, und sie hatten ein Leben miteinander geführt, an dem nichts
zu bereuen war. Nur hatte sie gedacht, den Knaben so zu leiten, daß er frei
bleibe und seiner eingeborenen Art
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