Die Frau und der Sozialismus: Erweiterte Ausgabe (German Edition)
Der Charakter der Produkte unter der kapitalistischen Wirtschaftsordnung als Waren, die ihre Besitzer auszutauschen bestrebt sind, macht den Verbrauch der Waren von der Kauffähigkeit der Konsumenten abhängig. Die Kauffähigkeit ist aber bei der ungeheuren Mehrheit der Bevölkerung, die für ihre Arbeitsleistung unterwertig bezahlt wird und für dieselbe keine Verwendung findet, wenn ihre Anwender nicht Mehrwert aus derselben pressen kann, beschränkt. Kauffähigkeit und Konsumtionsfähigkeit sind in der bürgerlichen Welt zwei verschiedene Dinge . Viele Millionen haben Bedürfnisse nach neuen Kleidern, Schuhen, Möbeln, Wäsche, nach Eß- und Trinkwaren, aber sie besitzen kein Geld, und so bleiben ihre Bedürfnisse, das heißt, es bleibt ihre Konsumtionsfähigkeit unbefriedigt. Der Warenmarkt ist überfüllt, aber die Masse hungert; sie will arbeiten, aber sie findet niemand, der ihre Arbeit kauft, weil der Unternehmer nichts dabei verdienen kann. Stirb, verdirb, werde Vagabond, Verbrecher, ich, der Kapitalist, kann es nicht ändern, ich kann keine Waren gebrauchen, für die ich mit entsprechendem Profit keinen Abnehmer habe. Und der Mann hat in seiner Art vollkommen recht.
In der neuen Gesellschaft wird dieser Widerspruch beseitigt sein. Diese produziert nicht "Waren", um zu "kaufen" und zu "verkaufen", sondern sie produziert Lebensbedürfnisse, die verbraucht, konsumiert werden, sonst haben sie keinen Zweck . Bei ihr findet die Konsumtionsfähigkeit nicht, wie in der bürgerlichen Welt, an der Kauffähigkeit des einzelnen ihre Grenze, sondern an der Produktionsfähigkeit der Gesamtheit . Sind Arbeitsmittel und Arbeitskräfte vorhanden, so kann jedes Bedürfnis befriedigt werden. Die gesellschaftliche Konsumtionsfähigkeit findet ihre Schranke nur in der – Gesättigtheit der Konsumenten .
Gibt es aber in der neuen Gesellschaft keine "Waren", so gibt es schließlich auch kein Geld. Geld ist scheinbar der Gegensatz von Ware, aber es ist selbst Ware! Aber Geld, obgleich selbst Ware, ist zugleich die gesellschaftliche Äquivalentform, der Wertmesser für alle anderen Waren. Die neue Gesellschaft produziert aber nicht Waren, sondern Bedürfnisgegenstände, Gebrauchswerte, deren Herstellung ein gewisses Maß gesellschaftlicher Arbeitszeit erfordert. Die Arbeitszeit, die durchschnittlich nötig ist, um einen Gegenstand herzustellen, ist allein das Maß, an dem er für den gesellschaftlichen Gebrauch gemessen wird. Zehn Minuten gesellschaftlicher Arbeitszeit in einem Gegenstand sind gleich zehn Minuten gesellschaftlicher Arbeitszeit in einem anderen, nicht mehr und nicht weniger. Die Gesellschaft will nicht "verdienen", sie will nur den Austausch von Gegenständen gleicher Qualität, gleichen Gebrauchswerts unter ihren Gliedern bewerkstelligen, und schließlich hat sie nicht einmal nötig, einen Gebrauchswert festzusetzen, sie produziert, was sie bedarf. Findet zum Beispiel die Gesellschaft, daß zur Herstellung aller benötigten Produkte eine tägliche dreistündige Arbeitszeit nötig ist, so setzt sie eine dreistündige fest . Verbessern sich die Produktionsmethoden so, daß der Bedarf schon in zwei Stunden hergestellt werden kann, setzt sie zwei Stunden Arbeitszeit fest. Verlangt dagegen die Gesamtheit die Befriedigung höherer Bedürfnisse, als trotz Zunahme der Zahl der Arbeitskräfte und erhöhter Produktivität des Arbeitsprozesses in zwei oder drei Stunden hergestellt werden können, so setzt sie mehr Stunden fest. Ihr Wille ist ihr Himmelreich.
Wieviel jedes einzelne Produkt an gesellschaftlicher Arbeitszeit zur Herstellung bedarf, ist leicht zu berechnen . Danach bemißt sich das Verhältnis dieses Arbeitszeitteils zur ganzen Arbeitszeit. Irgendein Zertifikat, ein bedrucktes Stück Papier, Gold oder Blech, bescheinigt die geleistete Arbeitszeit und setzt den Inhaber in die Lage, diese Zeichen gegen Bedürfnisgegenstände der verschiedensten Art auszutauschen . Findet er, daß seine Bedürfnisse geringer sind, als was er für seine Leistung erhält, so arbeitet er entsprechend kürzere Zeit. Will er das Nichtverbrauchte verschenken, niemand hindert ihn daran; will er freiwillig für einen anderen arbeiten, damit dieser dem Dolce far niente obliegen kann, oder will er seine Ansprüche an die Gesellschaftsprodukte mit ihm teilen, niemand wehrt es ihm. Aber zwingen kann ihn niemand, zum Vorteil eines anderen zu arbeiten, niemand kann ihm einen Teil der Ansprüche für seine Arbeitsleistung
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