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Die Geliehene Zeit

Titel: Die Geliehene Zeit Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Diana Gabaldon
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Alkohol zu stibitzen, den ich als Desinfektionsmittel brauchte.
    »Was gibt’s?« rief ich und öffnete die Tür. Vor mir stand ein Bote, ein kleiner Junge, kaum älter als Fergus. Er bemühte sich, ernst und respektvoll zu erscheinen, doch konnte er seine Neugier kaum unterdrücken. Seine Augen wanderten flink im Zimmer herum und blieben fasziniert an dem großen Medizinkasten in der Ecke hängen. Offensichtlich waren auch im Palast von Holyrood Gerüchte über mich im Umlauf.
    »Seine Hoheit schickt nach Ihnen, Mistress Fraser«, antwortete er. Er musterte mich aus klaren braunen Augen und suchte zweifellos nach Anzeichen meiner übernatürlichen Kräfte. Mein kläglich normales Aussehen schien ihn zu enttäuschen.
    »Ach ja?« erwiderte ich. »Gut. Wo befindet er sich?«
    »Im Morgensalon, Mistress. Ich bringe Sie hin. Oh...« Es war
ihm noch etwas eingefallen, und er drehte sich um, bevor ich die Tür hinter mir schließen konnte. »Sie sollen Ihren Medizinkasten mitbringen, wenn Sie so gut sein wollen.«
    Mit stolzgeschwellter Brust geleitete mich der kleine Bote den Gang entlang zu jenem Flügel des Palastes, in dem der Prinz residierte. Gewiß wurde er als Page geschult, doch ein gelegentlicher Hopser verriet, daß er in seinem Amt noch nicht viel Erfahrung hatte.
    Warum um alles in der Welt ließ mich Charles zu sich rufen? überlegte ich. Zwar fand er sich um Jamies willen mit meiner Anwesenheit ab, doch die Geschichte mit La Dame Blanche hatte ihn offenkundig stark irritiert, und er fühlte sich in meiner Gesellschaft nicht ganz wohl. Mehr als einmal hatte ich beobachtet, wie er sich in meiner Anwesenheit heimlich bekreuzigt hatte. Der Gedanke, daß er mich zu sich gebeten hatte, um sich von mir ärztlich behandeln zu lassen, erschien mir abwegig.
    Als die schwere Holztür zum kleinen Morgensalon aufging, kam mir der Gedanke noch unwahrscheinlicher vor. Der Prinz, offenbar bei bester Gesundheit, lehnte am lackierten Cembalo und schlug behutsam eine Taste an. Seine zarte Haut war leicht gerötet, doch vor Erregung, nicht vor Fieber, und er blickte mich mit klaren und aufmerksamen Augen an.
    »Mistress Fraser! Wie freundlich von Ihnen, daß Sie so bald gekommen sind!« Er war an diesem Morgen noch aufwendiger gekleidet als gewöhnlich, er trug eine Perücke und eine neue cremefarbene, mit Blumen bestickte Seidenweste. Irgend etwas mußte ihn in große Aufregung versetzt haben, denn sein Englisch war, wie immer, wenn er nervös war, holprig und fehlerhaft.
    »Es ist mir eine Freude, Eure Hoheit«, erwiderte ich mit einer leichten Verbeugung. Er war allein, ein ungewöhnlicher Umstand. Vielleicht benötigte er doch meine medizinische Hilfe?
    Nervös zeigte er auf einen der goldenen, damastbezogenen Stühle und bedeutete mir, Platz zu nehmen. Ein zweiter Stuhl stand dem meinen gegenüber, doch der Prinz ging unruhig auf und ab, ohne sich zu setzen.
    »Ich benötige Ihre Hilfe«, sagte er plötzlich.
    »Ja?« Ich gab ein höfliches, fragendes Geräusch von mir. Tripper vielleicht, überlegte ich und musterte ihn unauffällig. Ich wußte von keiner Frau seit Louise de La Tour, doch einmal genügte, um sich
anzustecken. Er verzog den Mund, als suchte er nach einer Möglichkeit, wie er es umgehen könnte, es mir zu verraten, doch dann gab er es auf.
    »Ich habe einen capo hier - einen Anführer, verstehen Sie? Er möchte sich der Sache meines Vaters anschließen, aber er hat noch Zweifel.«
    »Ein Clanoberhaupt, meint Ihr?« Er nickte und runzelte unter den kunstvoll gedrehten Locken seiner Perücke die Stirn.
    »Oui, Madame. Selbstverständlich unterstützt er die Ansprüche meines Vaters auf den Thron...«
    »Oh, ja natürlich«, murmelte ich.
    »... aber er möchte mit Ihnen sprechen, Madame, ehe er seinen Männern befiehlt, mir zu folgen.«
    Er klang, als wollte er seinen eigenen Worten nicht glauben, und ich merkte, daß die Röte auf seinen Wangen Ausdruck von Verwirrung und unterdrücktem Zorn war.
    Aber ich war nicht weniger verwirrt. Vor meinem geistigen Auge sah ich ein Clanoberhaupt, das von einer schrecklichen Krankheit befallen war und sich der Sache des Prinzen nur dann verschreiben konnte, wenn ich eine Wunderheilung vollbrachte.
    »Seid Ihr sicher, daß er mit mir sprechen will?« fragte ich. So weit war mein Ruf mir doch gewiß nicht vorausgeeilt.
    Charles nickte kalt. »So sagt er, Madame.«
    »Aber ich kenne gar keine Clanführer«, erwiderte ich. »Natürlich, Glengarry und Lochiel. Ach ja, und

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