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Die Goldhaendlerin

Die Goldhaendlerin

Titel: Die Goldhaendlerin Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Iny Lorentz
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das erst jetzt?«
    Jochanan kroch unter ihrem Blick in sich zusammen. »Mutter hat uns verboten, dir noch mehr Sorgen aufzuhalsen. Ihrer Ansicht nach sind Elieser und Rachel alt genug, um zu wissen, was sie tun.«
    »Elieser ist ein launisches Kind«, widersprach Lea. Jochanan wandte den Kopf ab und murmelte etwas Unverständliches vor sich hin, aber Lea sprach aus, was er meinte. »Elieser ist jetzt achtzehn und damit so alt wie Samuel, als dieser in Sarningen ermordet wurde.«
    »Rachel ist noch ein Jahr älter und hätte längst verheiratet werden müssen«, setzte Jochanan hinzu.
    Lea zuckte in einer komisch-verzweifelten Geste mit den Schultern. »Irgendwie ist mir die Zeit unter den Händen zerronnen. Wenn wir nach Hause kommen, werde ich etwas unternehmen.«
    »Es wird dir kaum gelingen, Elieser zu verheiraten, denn er wird nicht auf dich hören, und bei Rachel wirst du ebenfalls kein Glück haben, denn sie wird sich hinter Elieser stecken, wie sie es auch sonst immer tut.«
    Lea schlug mit der geballten Faust in die offene Hand. »Noch geschieht in unserem Haus das, was ich bestimme!«
    Trotz ihres scharfen Tonfalls lächelte sie. Das Gespräch mit Jochanan hatte die Schatten aus ihrem Gemüt vertrieben und ihren Kampfgeist wieder geweckt. Als sie weitergingen, kreisten ihre Gedanken um die Zukunft ihrer Geschwister und all die Dinge, die sie tun musste, um ihnen eine bessere Heimat zu verschaffen und ihren Lebensunterhalt zu sichern. Elieser würde die Geschäfte noch einige Jahre lang nicht alleine führen können, also musste sie die Zügel in der Hand halten, bis er in einer anderen Stadt die Hilfe von Glaubensgenossen in Anspruch nehmen konnte. Für sie galt es jetzt, neue Kräfte zu sammeln, um ihrem Bruder einen neuen Anfang zu verschaffen und Rachel eine Mitgift, mit der sie jedem frommen und wohlhabenden Juden als Schwiegertochter willkommen war.

9.
    Kurz nach diesem Gespräch erreichten Lea und Jochanan ein Stück oberhalb Straßburgs den Rhein. Eine Weile überlegte sie, ob sie nicht ihre Geschäftspartner in der elsässischen Metropole besuchen sollte, entschied sich jedoch dagegen. Sie wollte auf dem kürzesten Weg nach Hause, um dort nach dem Rechten zu sehen. So beschloss sie, die Fähre bei Dietheim zu nehmen.
    Das Haus der Fährleute lag auf einem künstlich aufgeschütteten Hügel etwas abseits des Ufers und hatte seinem verwitterten Aussehen zufolge wohl schon etlichen Rheinhochwassern getrotzt.
    Als Lea und Jochanan sich dem Ufer näherten, sahen sie den Prahm hoch auf einer Kiesbank liegen. Er wirkte wie eine übergroße, beinahe quadratische Schachtel mit flach über das Wasser ragendem Bug und Heck. Der Fährmann stand in seinem Gefährt und trieb Wergschnüre in eine Fuge zwischen den Planken, während seine Knechte angeschwemmte Äste zu Brennholz hackten und vor dem Haus aufstapelten. Als Lea die Fähre erreichte, unterbrach der Fährmann seine Arbeit und musterte sie und Jochanan mit zusammengekniffenen Augenbrauen. »Wollt ihr hinüber?«
    »Wenn es genehm ist.« Lea strich über ihren Geldbeutel und ließ die Münzen klirren.
    Der Fährmann spuckte den Grashalm aus, auf dem er gerade kaute, und rief nach seinen Knechten. »Küni, Urs, kommt her!
    Arbeit gibt’s.«
    Die beiden Burschen ließen ihr Holz liegen, stemmten sich gegen den Kahn, und schoben ihn wieder ins Wasser. Während sie die Ruder ergriffen, beugte der Fährmann sich über die Befestigungskette. Doch bevor er sie löste, streckte er fordernd die Hand aus.
    »Zwei Juden, das macht für die Überfahrt vier Groschen, im Voraus zu bezahlen.«
    Lea reichte ihm die verlangten Münzen. Es war ein unverschämt hoher Preis, doch sie war froh, dass der Fährmann sich überhaupt herabließ, die Überfahrt zu machen. An anderen Fähren hatte sie schon stundenlang warten müssen, bis christliche Reisende auftauchten, und einige Male hatte man sie nur mitgenommen, nachdem sie sich bereit erklärt hatte, den Fährpreis für alle zu bezahlen.
    Der Fährmann löste die Kette, packte dann eine lange Stange und stieß die Fähre vom Ufer ab. Während seine Knechte sich gegen ihre Ruder stemmten, lenkte er den Prahm auf den Rhein hinaus. Jochanan, der schaukelnden Booten wenig abzugewinnen mochte, setzte sich auf den Boden, während Lea stehen blieb. Die Fährleute arbeiteten gut. Die Strömung des Flusses trug den Prahm nur unwesentlich ab, und sie näherten sich rasch dem gegenüberliegenden Ufer. Lea sah bereits die Landestelle

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