Die Gottessucherin
seinen Glaubensbrüdern zum Hafen gehetzt hatten und nun im Mondschein einen Schutzwall bildeten, um jeden Juden ins Wasser zurückzutreiben, der eines der Schiffe verließ und ihre Stadt erneut zu verpesten drohte, schnellte ihm mit lautloser Wucht ein Geschoss entgegen, eine Kugel oder ein Stein, und traf ihn mit jäher Gewalt am Schädel.
Wie ein Blitz durchzuckte ihn der Schmerz. Samuel fasste sich an die Schläfe. Eine warme, dickliche Flüssigkeit rann an seiner Hand entlang, während sich vor ihm die lauthals brüllende Menschenwand höher und höher in den Himmel türmte, Tausende Gesichter, Tausende Münder, die ihm ihren Hass entgegenschrien.
»Juden raus! Juden raus!«
Samuels Knie wurden weich, er schwankte. War seine Stunde gekommen? Ging sein Leben schon zu Ende? Es hatte doch gerade erst begonnen. Er sah das Gesicht seines Bruders Benjamin, als er vor seinen Augen starb, in der Mordnacht von Antwerpen ...
Warum? Wozu? Er hatte noch so viel vorgehabt - so viele Gedanken, so viele Bücher ...
Samuel wollte sich festhalten, ruderte mit den Armen in der Luft, um irgendwo einen Halt zu finden. Doch seine Hände griffen ins Leere, und nicht mehr Herr seiner selbst, sank er zu Boden, während eine selig warme Ohnmacht in seine Glieder strömte, als läge er in den Armen eines Mädchens und ergieße sich in ihren Schoß.
Unwirkliches Schweigen hüllte ihn ein. Dann war plötzlich alles nur noch leicht und licht.
31
»Mit welchem Recht vertreibt Ihr mein Volk aus der Stadt?«, fragte Gracia. »Ihr habt uns versprochen, dass wir unseren Glauben frei und ungehindert praktizieren dürfen!« »Dieses Versprechen galt nicht Eurem Volk, sondern Eurer Person«, erwiderte Herzog Ercole. »Also habe ich mein Wort gehalten. Niemand hat Euch ein Haar gekrümmt.« »Aber meinen Glaubensbrüdern! Ihr habt sie davongejagt wie Aussätzige! Nur wegen ihrer Religion!«
»Eine notwendige Maßnahme zum Schutz meiner Untertanen. Wir haben die Pest in der Stadt. Da kann ich nicht tatenlos zusehen.«
»Und warum betreffen Eure Maßnahmen ausschließlich Juden?
Können Christen die Seuche etwa nicht verbreiten?«
»Die Pestärzte sagen, Juden hätten die Plage in mein Herzogtum gebracht. Aus der Schweiz und über den Brennerpass aus Deutschland.«
»Dafür gibt es nicht den geringsten Beweis!« »Warum soll ich Euch mehr Glauben schenken als meinen Ärzten? Das Volk von Ferrara hat Angst, dass Gott die Seuche in unsere Stadt geschickt hat, als Strafe dafür, dass Juden in unserer Mitte ihren Götzen verehren. Ich muss meinen Untertanen diese Angst nehmen.«
Ja, Ercole hatte Wort gehalten. Während alle übrigen Juden mit Gewalt vertrieben worden waren, hatte es niemand gewagt, Gracia auch nur ein Haar zu krümmen. Im Gegenteil. Kaum hatte Samuel Usque ihren Palast verlassen, waren Soldaten des Herzogs vor ihrem Tor aufgezogen, um ihr Haus und ihr Leben vor Übergriffen zu bewahren. Gefangen zu ihrem eigenen Schutz, hatte sie die Nacht in ihrem Palast verbracht, in einsamer, privilegierter Sicherheit, derer sie sich nun vor Gott und ihren Glaubensbrüdern schämte. Noch am frühen Morgen war sie ins Castello Estense geeilt, um Klage gegen das Unrecht zu führen, das man den Juden angetan hatte.
»Es sind Menschen zu Tode gekommen«, sagte sie. »Eure Soldaten und Untertanen haben sie umgebracht.« »Zu meinem allergrößten Bedauern«, erwiderte der Herzog. »Das müsst Ihr mir glauben. Ich hatte strengste Order gegeben, dass niemand Schaden bei der Ausweisung nehmen darf.« »Auch Samuel Usque ist unter den Toten.« »Ich weiß, es ist schrecklich«, sagte Ercole mit sichtlicher Zerknirschung. »Und ich kann Euch nur versichern, wie leid mir das alles tut. Ich werde die Schuldigen ausfindig machen und bestrafen. Aber was sollte ich denn tun?«, brauste er plötzlich auf. »Meine Untertanen fürchten Gottes Zorn. Doch statt Euch zu beschweren, solltet Ihr mir lieber danken. Wenn ich Eure Juden nicht in einem ordentlichen Verfahren ausgewiesen hätte, wären sie vom Pöbel allesamt gesteinigt oder aufgehängt worden. Jetzt sind die meisten Eurer Glaubensbrüder in Sicherheit - immerhin.«
»Und was ist mit den Toten?«, fragte Gracia. »Samuel Usque hat Eurer Gemahlin die spanische Übersetzung der Bibel zum Geschenk gemacht. Er wollte der Welt zeigen, dass das Volk der Christen und der Juden zwei Stämme mit einer gemeinsamen Wurzel sind.« Ercole öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, doch Gracia schnitt ihm
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