Die Habenichtse: Roman (German Edition)
Magdas trokkene Magerkeit, der weiche Körper Isabelles, das Erfüllte, das Unerfüllte. Er war nicht sicher, ob der Unterschied allzu groß war. Oft wachte er zu spät auf, um rechtzeitig in der Agentur zu erscheinen, dann rief Peter ihn an, wütend, fordernd. Andras beeilte sich pflichtschuldigst, erschien mit zerknirschtem Gesicht in der Dircksenstraße, begann gleich zu arbeiten, und während sich alles doch noch rechtzeitig bewerkstelligen ließ, lauschte er auf die Geräusche von der Straße, die Schritte, Frauenstimmen, die heraufklangen, ging wohl auch ans Fenster, sah Mädchen vorbeischlendern und überlegte, was ihn noch anging, ob er noch teilnahm, wenn er ein Kleid, eine Bewegung der Hüften, schlanke Arme oder Knöchel bewunderte, all das, was ihn lockte und was sich doch entfernt hatte. Verzicht war es allerdings nicht. Es kam vor, daß er sich gekränkt fühlte, prüfte, ob ein Frauenblick ihn streifte, ob eine Frau, die ihm gefiel, seinen Blick erwiderte, ob er sie, die mit einem anderen Mann am Tisch saß, ablenken konnte, ob zufällige Berührungen, flüchtige, an der Kinokasse oder in einem anderen Gedränge, willkommen waren. Als er die dreißigjährige Claire kennenlernte, war er beglückt von ihrer Hoffnung, ihren begeisterten, schüchternen Berührungen, doch dann verschwand er auf Nimmerwiedersehen. Nicht ohne Mißtrauen prüfte er, ob die Entscheidung notwendig gewesen war. Von Claire blieben ihm die sanften, ganz und gar rehbraunen Augen im Gedächtnis, etwas darin, das gewichtlos schien, leicht bis zur Selbstaufgabe, kaum faßbar. Es gefiel ihm, denn alles, was er war, was für ihn Bedeutung hatte, wanderte mit leichten Bewegungen an die Oberfläche, glitt die Luftfläche entlang wie Blätter, wie die wattigen Pappelsamen, die so leichthin davonwehten. Einer der Spaziergänge führte ihn in den Westen, zum Waldfriedhof, es war ein strahlender Tag Ende Mai, eine Trauergemeinde in schwarzen Kleidern strömte voller Fusseln vom Grab zurück Richtung Ausgang. Hannas Grab hatte er seit der Beerdigung nicht mehr besucht, jetzt wußte er, wie gepflegt es war, daß Peter wohl keine Woche ausließ, zu jäten oder pflanzen und die Erde zu glätten. Der Sandstein mit Hannas Namen verwischte schon, hellgrünes Moos bedeckte die Regenseite des Steins, es war etwas Tröstliches daran. Bei einem zweiten Besuch, gegen Abend, sah Andras unter einer Hecke Wildschweine davonrennen, es sollte auch Füchse und andere Tiere geben, in den Gärten der Heerstraße und bis hinein nach Charlottenburg. Er beschrieb es in einer Mail Isabelle, den Duft der Akazien und Linden, das Schattenspiel der Blätter im Straßenlicht, die teils pompösen, teils lächerlich schiefen Zäune, die von der Straße Grundstücke und Häuser abtrennten, die gespenstisch breite Straße Richtung Spandau, schließlich die Zufahrt zum Olympiastadion . Erinnerst Du Dich , schrieb er, an diesen Spruch von Bush, nichts ist, wie es war? Die Heerstraße scheint sich seit den dreißiger Jahren nicht verändert zu haben, der Waldfriedhof auch nicht. Alles unverändert. Und wie sehr sich alles doch verändert haben muß, Hanna ist tot, Du bist verheiratet und lebst in London, ich werde womöglich doch nach Budapest aufbrechen. Vielleicht verbringe ich auch nur ein paar Monate dort, meine Wohnung behalte ich auf jeden Fall, Herr Schmidt ist ja auch noch da, er hat sich auf dem Dachboden häuslich eingerichtet, und die Hausverwaltung sucht zwar einen Käufer, hat aber noch immer keinen gefunden, so bleiben wir beide, ganz zufrieden mit dem provisorischen Zustand.
Er nahm an, daß Peter ihr von dem bevorstehenden Umzug der Agentur erzählt hatte. In der Dircksenstraße sollte die Miete erhöht werden mit dem fälligen, neuen Vertrag, Peter hatte vorgeschlagen, aus Mitte wegzuziehen, statt über die Miete zu verhandeln, –umziehen, sagte er so heftig, daß Andras erschrak, und dann schwiegen sie, weil sie beide an Hanna dachten. Andras hatte es übernommen zu prüfen, ob sie nicht in die Potsdamer Straße ziehen könnten, und in einem Hinterhaus zwei Drucker gefunden, die an einer Kooperation interessiert waren. Nichts hat sich verändert, dachte er, als er nach dem Treffen die Potsdamer Straße hinunterging, als wäre er, zwanzig, fünfundzwanzig Jahre zurück, auf dem Nachhauseweg, während Tante Sofi am Klavier saß, spielte, so leicht und fehlerlos spielte, daß Onkel Janos und Andras still auf dem Sofa saßen, und Onkel Janos weinte. Es gibt nicht
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