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Die Heilerin des Kaisers

Die Heilerin des Kaisers

Titel: Die Heilerin des Kaisers Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Karla Weigand
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aufgebrochen war, hatte der Sänger beim Abschiedsmahl der Harfe leise Töne entlockt und diskret ein Lied angestimmt:
     
    Glockenklang, Mönchsgesang.
    die Herzen bang: Untergang?
    Liebe machen, Kinderlachen,
    schöne Welt, wohl bestellt.
     
    Krieg und Streit, großes Leid,
    Fluch auf Erden, elend werden?
    Lieder singen, tanzen, springen.
    Zur Lieb’ bereit, Friedenszeit!
     
    Morgenrot, früher Tod,
    Abendrot, große Not.
    Heil und Segen auf allen Wegen.
    Gut und Geld, wohl bestellt.
     
    Stadt und Land, ausgebrannt,
    Weib und Mann im Todesbann.
    Frieden und Freud, keinerlei Leid.
    Glück und Heil sei jedermanns Teil.
     
    »Giacomo, du bist wirklich ein Künstler«, hatte König Heinrich seinen Spielmann beglückwünscht. »Ich hoffe, dass du recht behältst und die letzte Strophe zutrifft: Frieden, Freude, Glück und Heil für alle! Das wünsche auch ich mir für das Reich und sein Volk.«
    Geschmeichelt hatte der Sänger aus dem Süden sich vor seinem König verbeugt. Sein früherer Herr, Heinrich der Zänker, war mit Lob immer sehr sparsam umgegangen…
    »Ich danke Euch, mein König. Aber das Lob gebührt dieses Mal nicht mir, sondern Eurer Medica: Frau Griseldis hat sich den Text einfallen lassen. Ich habe nur die Melodie dazu erfunden.«
    Da waren Heinrich und seine Gemahlin wieder einmal verblüfft gewesen über die vielfältigen Talente dieser bemerkenswerten jungen Frau aus dem Bauernstand.
     
    Die harsche Kritik der Kirche an seiner Slawenpolitik bezüglich der unterlassenen Heidenmissionierung und an seinem Bündnis mit den Ungetauften zur Bekämpfung eines christlichen Herrschers war durchaus nicht spurlos an König Heinrich vorübergegangen. Er fühlte sich unwohl und hatte nach Griseldis rufen lassen. Während diese ihm ihre Hände auflegte, wurde sie Zeugin eines Gesprächs, das der Herrscher mit Kunigunde führte.
    »Ihr habt allem Anschein nach, wenn auch völlig unverdient, ein schlechtes Gewissen, Herr. Und nun überlegt Ihr Euch, wie Ihr damit ins Reine kommen könntet«, sagte die Königin, klug wie sie war, ihrem Gemahl auf den Kopf zu.
    »Ihr könnt wohl Gedanken lesen, Frau?«
    Heinrich war überrascht, aber gleichzeitig auch erleichtert, dass seine Mitregentin den Kern der Sache getroffen hatte.
    »Wie ich Euch kenne, Heinrich, habt Ihr gewiss schon eine Idee, welches Aussehen Eure Wiedergutmachung dem Himmel und der Kirche gegenüber haben wird.« Frau Kunigunde warf dabei Vater Berchtold einen Seitenblick zu und lächelte.
    Da vertraute ihr Heinrich sein Vorhaben an. Er machte dieses Mal nicht bloß Andeutungen, sondern sprach ganz konkret über seinen größten Herzenswunsch, den Dombau.
    »Aber ich werde nichts dergleichen unternehmen, falls Ihr, geliebte Frau und Mitregentin, damit nicht einverstanden seid. Nach den jetzigen Plänen könnte man auch ein Kirchengebäude in normalen Größenverhältnissen errichten; es müsste kein Bischofsdom werden. Sagt frei heraus, Liebste, wie Ihr dazu steht«, forderte Heinrich sie auf.
    »Ich unterstütze Euren Plan voll und ganz, mein Gemahl. Es wird mir eine Freude und eine Ehre sein, an diesem heiligen Werk mitwirken zu dürfen«, war Kunigundes prompte Antwort. Griseldis sah, wie glücklich dies Herrn Heinrich machte. Sein Antlitz war auf einmal ganz entspannt – und das lag nicht nur an der Heilkraft ihrer Hände.
    Bis jetzt wusste nur eine Handvoll Menschen von diesem Vorhaben: das Königspaar, Vater Berchtold, natürlich der Baumeister und Griseldis. Der Kanzler sollte nun umgehend eingeweiht werden. Heinrich hatte ihn ja für eine ganz besondere Rolle ausersehen…
    Vorläufig sollte es aber bei diesem kleinen, auserwählten Kreis bleiben. Griseldis war froh und stolz zugleich, dass ihrem Ehemann die hohe Ehre zuteil wurde, mit der Ausführung eines solch gottgefälligen Werks betraut zu sein.
     
     

KAPITEL 32
     
    I M S PÄTHERBST DES Jahres 1008 lud König Heinrich seine Vertrauten zur Jagd ein und alle folgten ihm begeistert, mit Ausnahme der Königin. Sie hielt nichts davon, harmlose Tiere umzubringen – zumindest wollte sie daran nicht teilhaben. In Bezug auf das »edle Waidwerk« nahm sie die gleiche Haltung ein wie Griseldis, die Heilerin.
    Sehr zum Ärger von Frau Irmintraut, die eine vorzügliche und leidenschaftliche Jägerin war. Nun würde sie stattdessen erneut einen langweiligen Tag in der Kemenate der Königin am Stickrahmen verbringen müssen. Am meisten erzürnte sie, dass der König ausdrücklich diese

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