Die Herrin Thu
gibt. Später hat er mir dann die Rolle gezeigt. Wir haben aufgepaßt und gewartet, aber es gab keinen weiteren Mordversuch auf das Leben des Erhabenen, und da hat er sich allmählich gefragt, ob sie gelogen hätte und er sie doch lieber hätte sterben lassen sollen.“
Die königliche Wade fing an zu wippen, daß die Perlen aus Jaspis und grünem Türkis auf seinen Sandalen bei jeder Bewegung im Licht auffunkelten und glitzerten. Er spreizte die Finger und drehte die hennaroten Handflächen nach oben. So hätte er auch eine Regierungsangelegenheit oder eine Jagdtechnik darlegen können, dieser gutaussehende Mann mit den dunklen Augen und dem vollendet gebauten Körper, doch er führte niemanden von uns hinters Licht. Er war der Falke-im-Nest, und ausgerechnet seine bescheidene Haltung und sein Plauderton betonten noch seine Unbesiegbarkeit. Er war der Herr über unser Schicksal, und wir alle wußten es.
„Nun gut“, fuhr Ramses fort. „Wenn es sich um ein geringeres Verbrechen handelte, das vor langer Zeit begangen wurde, könnte ich die Sache vielleicht auf sich beruhen lassen und das damit begründen, daß die Zeit und ein allmählicher Reifeprozeß eine Bestrafung sinnlos machen. Doch Hochverrat und versuchter Königsmord, darüber kann man nicht so einfach hinweggehen.“
„Prinz, es gibt keinerlei Beweise für die Schuld jedes in der Rolle Benannten!“ unterbrach ihn Paiis. „Nichts als die Worte einer neidischen und verbitterten Frau!“ Ramses fuhr zu ihm herum.
„Neidisch und verbittert?“ wiederholte er. „Schon möglich. Aber welcher Mensch lügt schon unter dem zermalmenden Druck des sicheren Todes? Ich glaube, keiner, wenn er oder sie weiß, daß der Tag des letzten Gerichts nahe herbeigekommen ist.“ Jetzt ließ er sich vom Schreibtisch gleiten, lehnte sich dagegen und verschränkte die Arme. „Was ist, wenn Thu die Wahrheit gesagt hat?“ überlegte er laut. „Und Kaha hier auch? Was ist, wenn es Verschwörer gibt und wenn diese Verschwörer nach ihrem Fehlschlag abwarten, bis ein neuer Pharao den Thron besteigt? Und was ist, wenn sie finden, daß die neue Inkarnation des Gottes auch nicht nach ihrem Geschmack ist, General Paiis? Was ist, wenn ihnen Königsmord zur Gewohnheit wird? Nein. Das kann ich nicht auf sich beruhen lassen.“ Er richtete sich zu voller Größe auf und reckte die Schultern. Dann winkte er einen der geduldigen Diener herrisch mit dem Finger herbei. „Hol mir einen meiner Kommandeure“, befahl er. „Und du“, damit zeigte er auf einen anderen, „du gehst in den Bankettsaal und sagst meiner Frau, daß ich heute nicht öffentlich speise. Dann gehst du zu meinem Vater, und wenn er noch nicht schläft, sagst du ihm, daß ich mich später noch mit ihm besprechen muß.“ Die beiden Männer eilten davon. Paiis rutschte zur Stuhlkante.
„Prinz, ich bin der dienstälteste Kommandeur hier in Pi-Ramses“, sagte er. „Du brauchst keinen anderen holen zu lassen. Erteile mir Befehle.“ Der Prinz lächelte und hob den Weinpokal.
„Wohl kaum, General Paiis“, sagte er sanft. „Nicht dieses Mal.“ Er trank nachdenklich, kostete den Wein, dann fuhr er sich mit der Zunge über die Lippen. „Vergib mir, aber mein Vertrauen in dich ist vorübergehend erschüttert.“
„Das ist ein Tadel.“
„Dann bete darum, daß es bei einem Tadel bleibt!“ schrie der Prinz. Das schien Paiis nicht zu beeindrucken. Eine Braue zuckte, er klopfte sich zweimal auf den Schenkel und setzte sich wieder. Widerwillig bewunderte ich seine Selbstbeherrschung.
Kurz darauf erschien der Kommandeur. Forsch näherte er sich dem Prinzen und machte seine Verbeugung mit ausgestreckten Armen, dann stand er stocksteif und wartete auf seine Befehle. Ich sah, wie sein Blick zum General huschte, ehe er sich wieder auf Ramses’ Gesicht richtete. „Du nimmst dir zwanzig Mann aus meiner Horus-Division“, sagte Ramses mit Nachdruck. „Begleite General Paiis zu seinem Anwesen. Er steht unter Hausarrest.“ Die Miene des Mannes veränderte sich nicht, doch ich sah, wie seine kurzen Finger jäh den Schwertgriff umfaßten. „Falls weitere Männer erforderlich sein sollten, um ihn dort festzusetzen, dann ordne welche ab. Der General darf seine Aruren nicht verlassen, sonst droht ihm die schlimmste Disziplinarstrafe. Du bleibst an seiner Seite, bis sein Anwesen durchsucht ist und ihr Kamen, den Sohn des Kaufmanns Men, gefunden habt. Kamen wird mit Achtung behandelt und auf der Stelle hierher zu mir
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