Die Herrin Thu
gebracht. Desgleichen sollen zwanzig Soldaten das Anwesen des Sehers umzingeln. Er steht auch unter Hausarrest. Schick zu den Haremswachen und dem Hüter der Tür und richte ihnen aus, daß die Herrin Hunro auf keinen Fall den Palastbezirk verlassen darf. Das gleiche gilt für den Iri-pat Mersura und den Schreiber Panauk. Pentu, der Schreiber, der seinem Gewerbe im Doppelhaus des Lebens nachgeht, soll zum Verhör ins städtische Gefängnis gebracht werden.“
Da Ramses allein Pentu gleich ins Gefängnis schickte, hatte er mit untrüglicher Sicherheit das schwache Glied in der Kette der Verschwörer erkannt, und er wußte es. Pentu hatte wie ich keinerlei Unterstützung in den höheren Rängen der Mächtigen und würde zusammenbrechen, wenn man ihn unter Druck setzte. Er war für Hui und die anderen wenig mehr als ein Bote gewesen, hatte ihre Häuser nur selten betreten und die Nachrichten, die er überbringen sollte, nur aus zweiter Hand, nämlich von ihren Haushofmeistern, erhalten. Ich hatte ihn während meiner Zeit bei Hui kaum mehr als zweimal gesehen und Thu wahrscheinlich überhaupt nicht. Er hatte sich nur durch Mundhalten schuldig gemacht, doch er wußte mehr, als gut für ihn war. Der Prinz hatte einen feinsinnigen Scharfblick bewiesen, und wir hatten die erste Runde gewonnen, Kamen, Thu und ich. Wir hatten gesiegt!
„Entsende einen Hauptmann, dem du vertraust, nach Nubien“, sagte Ramses jetzt knapp. „Er soll General Banemus ausrichten, daß auch er unter Arrest steht und seinen Posten nicht verlassen darf, ehe Ersatz für ihn gefunden ist. Dann soll er unter Bewachung nach Pi-Ramses zurückgebracht werden. Die Soldaten meiner Division sollen der städtischen Polizei bei der Suche nach einer Frau helfen, einer Thu aus Aswat. Zweifellos hat die Polizei eine Beschreibung von ihr. Oder hast du die auch schon, Paiis?“ Der Prinz machte sich nicht einmal die Mühe, den General dabei anzusehen.
„Nein.“ Mehr sagte Paiis nicht.
„Sie soll in den Harem gebracht und gut bewacht werden. Sind meine Befehle klar? Wiederhole sie. Und noch etwas. Schick einen Offizier und Männer nach Aswat. Sie sollen eine Leiche ausgraben und nach Pi-Ramses bringen, die sie wahrscheinlich unter dem Fußboden der Hütte ebendieser Thu finden. Ich werde ein Beglaubigungsschreiben für Nubien aufsetzen und eines für den Offizier, der Hui unter Hausarrest stellt.“ Der Befehlshaber wiederholte die Worte, wurde vom Prinzen entlassen, salutierte und entfernte sich. Doch er war bald wieder da, und der Raum füllte sich mit Soldaten. Paiis wartete nicht ab, daß man ihn fortzerrte. Er stand auf.
„Du machst einen schlimmen Fehler, Prinz“, sagte er kühl, und die Augen, mit denen er seinen Vorgesetzten anblickte, waren wie schwarzes Glas. Jetzt sah ihm Ramses endlich mitten ins Gesicht.
„Mag sein“, sagte er, „und falls es sich so verhält, wird man dich freisprechen, du bekommst dein Amt zurück und genießt erneut mein Vertrauen. Falls du ein reines Gewissen hast, findest du gewißlich Trost in dem Gedanken, daß dich die Maat rechtfertigen wird. Aber ich glaube es nicht, General“, schloß er im Flüsterton. „Nein, ganz und gar nicht.“ Ganz kurz blitzte in Paiis’ Augen purer Haß auf, und das offenbarte mir in ihrer ganzen Nacktheit den Neid, den Ehrgeiz und die kleinliche Überheblichkeit, die ihn sein Leben lang verzehrt und ihn bis hierher geführt hatten. Es hatte ihm nicht gereicht, aus einer der ältesten und angesehensten Familien Ägyptens zu stammen. Paiis wollte herrschen. Paiis strebte mit Hilfe des Heeres nach dem Thron.
Der Prinz und der General blickten sich an, dann entspannte sich Ramses. „Bringt ihn in sein Haus“, sagte er. Wir sahen zu, wie die Soldaten Paiis umringten und ihn zur Tür schoben. Ich hatte einen Abschiedsblick oder bissige Worte von ihm erwartet, doch er sagte nichts, und gleich darauf war der Raum leer. Der Prinz wandte sich an uns. „Und ihr, Nesiamun, Men und Kaha, ihr geht auch nach Hause“, sagte er. Auf einmal sah er sehr müde aus. „Ich bringe meinem Vater Thus Manuskript, wir werden es zusammen lesen. Wenn ich mit meinem Bruder gesprochen habe, schicke ich ihn zu seiner Verlobten zurück. Geht jetzt.“
„Ich danke dir, Prinz“, sagte Men. „Ich danke dir aus tiefstem Herzen.“ Wir standen sofort auf, verbeugten uns und traten hinaus in die Nacht. Nesiamun atmete die duftende Luft tief ein.
„Das tut gut“, sagte er aufseufzend. „Aber mir will es
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