Die Herrin Thu
tatsächlich Gewissensbisse, wenn auch nur ein ganz klein wenig, als ich sie entrollte. Ich machte mir Sorgen um Kamen. Ich wollte ihm helfen, wenn ich konnte, und der Inhalt der Rolle wies mir vielleicht den Weg, was zu tun war.
Anfangs machten die Worte, die ich las, keinen Eindruck auf mich, oder nein, sie machten einen so tiefen Eindruck, daß ich völlig benommen und betäubt war. Dann ließ ich die Rolle aufrollen und legte sie behutsam zu den anderen neben mir. Ich faltete die Hände im Schoß, saß still im Schatten des Baumes und blickte starr in den farbenprächtigen Garten. Eine geraume Weile dachte ich gar nichts, doch allmählich erholte sich mein Hirn von dem Schlag, der es getroffen hatte.
Jetzt verstand ich auch, warum das Kind, das unter dem Schreibtisch seines Vaters gesessen hatte, bei mir eine so rätselhafte Zuneigung ausgelöst hatte, sein Blick, seine Gesten, sogar sein Lachen hatten mich an jemanden erinnert, ich hatte nur nicht erkannt, an wen. Doch jetzt war alles klar, unbarmherzig klar, und ich staunte, wie langsam Gottes Mühlen mahlten, die für jede Tat Abrechnung forderten. Denn Kamens Mutter war niemand anders als das Mädchen, das ich im Hause Huis, meines Gebieters, ausgebildet hatte, das Mädchen, dessen frischem, unbeflecktem Gemüt ich auf Anweisung des Sehers die Rezeptur zum Fall des Pharaos eingeprägt hatte. Allmählich hatte ich sie liebgewonnen mit einer besitzergreifenden, brüderlichen Zuneigung, und als sie das Haus verließ und königliche Nebenfrau wurde, hatte sie mir gefehlt. Die Verschwörung schlug fehl und sie wurde verbannt, und ich hatte mich aus reinem Selbsterhaltungstrieb aus der Geborgenheit jenes Haushalts gelöst. Jetzt spürte ich wieder die Gefahr, die nagende Angst, weil kein Zweifel mehr bestand, wohin sich Kamen gewandt hatte. Ich hätte es genauso gemacht. Er war nach Süden gereist, um seine Mutter zu finden, und sie würde ihm alles erzählen, und dann schwebten wir erneut in Gefahr, wir alle, Hui, Paiis, Banemus, Hunro, Paibekamun, ja sogar Disenk, die Thus Leibdienerin gewesen war und sie für die Augen des Königs verschönert hatte.
Ich war nur ein Schreiber. Ich hatte die Verschwörung nicht angezettelt, doch ich hatte sie auch nicht an die Behörden weitergeleitet, und ich hatte Huis Befehl gehorcht, einem jungen und empfänglichen Mädchen ein Gefühl für den vergangenen Ruhm Ägyptens einzuflößen und Kummer und Empörung darüber, wie tief unser Land unter der unfähigen Herrschaft Ramses III. gesunken war. Es war uns gut gelungen. Das Bauernmädchen, das man unserer Obhut anvertraut hatte, unschuldig, ungeschliffen und voller Träume, ging wie ein Skorpion in das Bett des Pharaos, schön, unberechenbar und tödlich. Und wie ein Skorpion hatte sie zugestochen, doch er hatte überlebt. Und Thu? Sie war im Süden verschwunden, und Hui hatte gedacht, der Stachel wäre ihr gezogen. Doch er hatte sich getäuscht. Das Kind, das sie geboren und das der Seher nirgendwo einkalkuliert hatte, konnte unser aller Verderben sein, sogar noch nach so vielen Jahren, es sei denn, wir handelten rasch, um das Unheil abzuwenden.
Ich schüttelte meine fast unerträgliche Schicksalsergebenheit ab, nahm meine Palette, legte sie auf meine Knie und schrieb an Hui. Es hatte keinen Zweck abzuwarten, mit welcher Nachricht Setau zurückkehrte. Ich wußte bereits, daß Kamen nirgendwo in Pi-Ramses zu finden sein würde. „Hochberühmter und wohledler Seher Hui, Grüße von deinem vormaligen Unterschreiber Kaha“, so schrieb ich. „Es ist mir eine große Ehre, morgen Abend zusammen mit deinem Bruder General Paiis, dem königlichen Oberhofmeister Paibekamun, der Herrin Hunro und jenen Dienern bei dir zu Gast zu sein, die vor siebzehn Jahren in deinen Diensten standen, um mit dir den Jahrestag zu feiern, an dem dir deine Sehergabe verliehen wurde. Ich wünsche dir Wohlstand und ein langes Leben.“ Ich unterschrieb in dem Bewußtsein, daß der Brief lahm war, aber mehr fiel mir nicht ein. Hoffentlich begriff Hui, was unterschwellig gemeint war. Ich hatte ihm nur wenig Zeit gelassen, doch falls er mich verstand, würde er den anderen sofort befehlen, alle anderweitigen Pläne abzusagen.
Als ich zum Dienstbotenquartier ging, gab ich den Papyrus einem der Männer und befahl ihm, ihn sofort abzuliefern. Dann ging ich in das mittäglich stille Haus zurück und legte die Rolle des Pharaos in Mens Kasten. Es war meine Pflicht, alle zu warnen. Das würde ich morgen
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