Die Kuppel des Himmels: Historischer Roman (German Edition)
er, worauf ihn der Architekt fragend ansah.
»Dieses Lied ist von Lorenzo de Medici, die Zeilen stammen aus ›La Nencia da Barberino‹.«
Sangallos Augen wurden feucht. »Ach, zum Teufel mit dem Magnifico. Was hatte er sich da nur für eine schreckliche Posse einfallen lassen, so früh zu sterben? Alle hat er sie mit in die Gruft gezogen: Poliziano, Pico, Piero, all die guten Männer und liebenswerten Jünglinge. Piero war gewiss kein schlechter Kerl, aber ein Heißsporn – und zu jung für die Aufgabe.«
Die eine der beiden Elfen bemerkte die Träne, die über Sangallos stoppelige Wange rann, reckte sich und küsste sie weg.
»Ihr könnt so rasch laufen, wie Ihr wollt, aber den Wind, der gestern über die Felder ging, holt Ihr heute nicht mehr ein. Stoßt selbst das Rad der Fortuna an, wenn Ihr wünscht, dass es sich für Euch dreht«, raunte sie in sein Ohr.
»Hast ja recht, meine Schöne.« Sangallo räusperte sich, um seine Rührung zu verbergen, und presste das Mädchen so fest an sich, als könnte sein alter Körper Kraft aus ihrer Jugend ziehen.
13
Rom, Anno Domini 1505
Im zweiten Saal thronte in einem ausladenden Sessel, der mitten im Raum stand, ein untersetzter Hüne, von dessen glänzendem Schädel ein Kranz grauer Haare abstand. Seine mächtigen Arme, die entspannt auf den Lehnen ruhten, strahlten eine schlummernde, aber gefährliche Kraft aus. Er war ganz in das Geplänkel mit zwei drallen Göttinnen vertieft – die eine auf seinem Schoß, die andere zu seinen Füßen. Der Anblick dieses ungefügen Kerls, der mit seinen Gespielinnen schnäbelte, entbehrte nicht einer gewissen Komik. Wider Erwarten entging ihm jedoch nichts, am allerwenigsten die Ankunft der beiden Künstler.
»Ah, Giuliano, wer ist der junge Rabe neben Euch?«, grunzte er.
»Messèr Michelangelo, ehrenwerter Donato.«
»Ihr scherzt!«
»Warum?«
»Dieser Hänfling? Den Schöpfer des David hab ich mir wahrlich anders vorgestellt. Älter, gewichtiger, nicht so ein schmächtiger Vogel. Na, macht nichts! Gottes Wege sind ja bekanntermaßen unerforschlich.« Bramante räusperte sich, blickte mit spöttischer Feierlichkeit in die Runde und rief: »Meine Lieben, vor euch steht ein Bildhauer von erheblichem Talent. Erweist ihm die Ehre!«
Dann schob er die Schöne von seinem Schoß, die ein leises Quieken von sich gab, weil er sie dabei neckisch gezwickt hatte, erhob sich ächzend aus seinem Sessel, griff nach einem Glas mit Rotwein und reichte es Michelangelo. Ein zweites Glas erhielt Sangallo. Bramante langte nach dem dritten und fragte mit einem breiten Grinsen: »Sagt, Giuliano, was meint eigentlich Eure Frau dazu, dass Ihr alles hier ausgebt und nichts für zu Hause übrig lasst?«
»Meine Verhältnisse, Messèr Donato, sind bestens geordnet. Es bleibt ihr mehr als genug«, gab Sangallo zurück.
Bramante erhob sein Glas. »Ich dachte dabei nicht ans Geld, Giuliano. Zum Wohl!«
»Auch ich sprach nicht vom Geld, Messèr Donato. Zum Wohl!«
Bramante, der Sangallos Antwort nicht abgewartet hatte, sondern schon in vollen Zügen sein Glas leerte, verschluckte sich vor Lachen.
»Wohl geantwortet, mein Freund«, prustete er. Rötliche Rinnsale sickerten ihm aus den Mundwinkeln und suchten sich ihren Weg über das Kinn. Dann fasste der Baumeister des Papstes Michelangelo scharf ins Auge. »Und was ist mit Euch, mein junger Freund? Habt auch Ihr ein Weib zu versorgen wie unser braver Giuliano?«
»Gott bewahre!«
Sangallo klopfte seinem Schützling auf die Schulter. »Der Arme hat schon an seiner habgierigen Familie genug zu tragen. Ich sage Euch, eine Bande echt florentinischer Taugenichtse!«
Wütend machte sich Michelangelo von seinem lachenden Freund los und funkelte ihn zornig an. »Lass meine Familie aus dem Spiel, Giuliano, wenn dir dein Leben lieb ist!«
Bramante merkte auf, legte den Zeigefinger auf die Lippen und blinzelte den jungen Mann mit gerunzelter Stirn an. »Ruhig, mein Heißblut, ruhig! Ehre den älteren Meister, und lass ab von solch eitlen Drohungen. Sie ziemen sich auch nicht für uns Künstlerpack. Oder bist du etwa von Adel?«
»Ja, im Gegensatz zu Euch bin ich das!«, sagte Michelangelo fest, während er über den drohenden Unterton nachdachte, den er in Bramantes Beschwichtigung gespürt hatte. Eine kleine vergiftete Stille trat ein. Der Baumeister musste Michelangelos Worte – ganz gleich, wie sie gemeint gewesen waren – als Kampfansage verstehen, zumal sie vor allen Anwesenden offen
Weitere Kostenlose Bücher