Die purpurnen Flüsse
Wochentage n versucht e ich, sowei t e s mi r möglic h war , di e Bilde r a n mic h z u bringen , sucht e die Familie n auf , log , stahl . Un d e s is t richtig , da ß ic h de n Fotografen bestoche n habe , mi t de m Geld , da s si e mi r ga b …«
»Ha t si e di e Foto s dan n vo n Ihne n abgeholt?«
»Nein , ic h sagt e Ihne n doch : Ic h mußt e si e verbrenne n … Wenn si e wiederkam , stric h si e einfac h di e Name n au f ihre r List e au s … Al s sämtlich e Name n abgehak t waren , spürt e ich , wi e erleichter t sie war . Si e verschwand , un d ic h hab e si e ni e wiedergesehen . Ich hingege n bega b mic h i n di e Dunkelheit , i n di e Isolation . Nu r der Blic k Gotte s is t mi r noc h erträglich . Sei t diese r Zei t vergeh t kein Tag , a n de m ic h nich t fü r de n Junge n bete . Ic h … « Si e verstummte jä h un d schie n mi t einemma l ein e naheliegend e Wahrhei t zu erkennen.
»Waru m komme n Si e hierher ? Waru m diese s Verhör? Allmächtige r Vater , Jud e is t doc h nich t …«
Kari m stan d auf . De r Weihrauchgeruc h brannt e ih m i n de r Kehle, un d e r merkt e au f einmal , da ß e r laut , mi t offene m Mun d atmete . Er schluckte , dan n war f e r eine n Blic k au f Schweste r Andrée . »Sie habe n alle s getan , wa s Si e konnten« , sagt e e r dumpf . »Abe r e s hat nicht s genützt . Eine n Mona t späte r wa r de r klein e Jung e tot . Ic h weiß nicht , wi e un d waru m e r gestorbe n ist . Abe r di e Fra u wa r weniger verrückt , al s Si e denken . Un d gester n aben d wurd e di e Gruft aufgebrochen , i n de r Jud e beerdig t ist . Ic h bi n mi r jetz t fas t sicher, da ß di e Grabschände r dieselbe n Teufe l sind , di e si e damal s so fürchtete . Di e Fra u durchlebt e eine n Alptraum , un d diese r Alptraum is t jetz t wiede r zu m Lebe n erwacht.«
Di e Schweste r seufzt e mi t gesenkte m Kopf , ih r Schleie r fie l in schwarz-weiße n Kaskade n herab . Kari m sprac h weiter , lau t un d rauh tönt e sein e Stimm e durc h di e Kirche , un d e r wußt e nich t mehr , für we n e r sprac h – ihretwegen , seine r selbs t wege n ode r u m de s kleinen Junge n willen.
»Ic h bi n ei n Polizis t ohn e Erfahrung , Schweste r Andrée . Ic h bin ei n ehemalige r Cauner , un d ic h zieh e dies e Sach e i m Alleingang durch . Abe r i n eine r Hinsich t hätte n e s di e Kerl e de r letzte n Nacht ga r nich t schlechte r treffe n können. « Wiede r packt e e r de n Betstuhl.
»Wei l ich’ s mi r geschwore n habe , mi r un d de m kleine n Jungen, verstehe n Sie ? Wei l ic h vo n nirgendwohe r komme , nicht s zu verliere n hab e un d mic h vo n nicht s un d niemande m aufhalte n lasse. Den n ic h bi n au f eigen e Faus t unterwegs , verstehe n Sie ? Au f eigene Faust!«
E r beugt e sic h vor ; unte r seine m harte n Grif f knackt e da s Holz.
»Denke n Si e nach , Schweste r Andrée ! A n irgen d etwa s müsse n Sie sic h doc h erinnern , irgendein e Spur , di e ic h verfolge n kann . Ic h muß di e Mutte r vo n Jud e ausfindi g machen!«
»Nein« , sagt e di e Ordensschweste r leise , imme r noc h mit gesenkte m Kopf . »Ic h wei ß nichts.«
»Denke n Si e nach ! W o kan n ic h di e Fra u finden ? Wohi n gin g sie, al s si e vo n Sarza c wegzog ? Un d wohe r ka m sie ? Nenne n Si e mir irgendei n Detail , eine n Hinweis , de m ic h nachgehe n kann!« Schweste r André e schluchzt e erstick t auf . »Si e … si e nah m ihn imme r mit , wen n si e kam.«
»Ihre n Sohn?«
»Ja.«
»Habe n Si e ih n gesehen?«
»Nein . Si e lie ß ih n i n de r Stadt . E s gib t dor t eine n Rummelplatz, nich t wei t vo m Bahnhof , un d dor t kümmert e sic h woh l jeman d um ihn . Dies e Kirme s existier t heut e noch , abe r ic h hatt e ni e de n Mut, hinzugehe n un d mi t de n Schausteller n z u reden , ic h … Vielleicht erinner t sic h eine r vo n ihne n a n de n kleine n Junge n … Meh r weiß ic h wirklic h nich t …«
»Viele n Dank , Schweste r Andrée.«
Kari m spran g au f un d eilt e davon , un d sein e eisenbeschlagenen Sohle n hallte n durc h da s weit e Kirchenschiff . I n de r eisige n Luft drauße n au f de m Kirchplat z blie b e r stockstei f stehen , starrt e i n den Himme l un d murmelt e vo r sic h hin : »Verdammt , w o bi n ic h da hineingeraten?«
32
De r Rummelplat z la g a n eine r Bahnlini e a m Ortsausgan g un d war ausgestorbe n wi e di e ganz e Kleinstadt : Di e Festbeleuchtun g der Bude n un d di e Musi k verpuffte n in s Leere .
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