Die Silberschmiedin (2. Teil)
an meinen Sachen zu schaffen gemacht. Sie müsste sich schämen.
Eva ballte die Hände zu Fäusten, damit Susanne ihre Unsicherheit nicht spürte. Doch die Stiefschwester schnaubte nur, trat einen Schritt auf Eva zu, die sich bemühen musste, nicht zurückzuweichen, und zischte: «Du sagst ja nichts. Hat es dir die Sprache verschlagen, was? Wolltest Sibyllas Moden hier einführen, wie? Oder hast du gemerkt, dass ich Recht habe? In diesem Hause, Eva, leben zwei Schwestern. Die eine ist für die Werkstatt zuständig, die andere für den Haushalt.»
Eva stand starr. Jetzt war Susanne zu weit gegangen: «Was glaubst du eigentlich, wer du bist?», rief sie mit vor Wut und Scham dunkler Stimme. «Du kannst mit Ach und Krach lesen und schreiben, hast keinen Beruf, keine Bildung, keine Manieren. Ja, du bist noch nicht einmal hübsch. Deine Haare und deine Augen haben die Farbe von billigem Messing, dein Leib ist schwer wie der einer Metzgersfrau. Dein Vater war ein übler Kerl, der nichts in seinem Leben zustande bekommen hat. Froh solltest du sein, in meinem Haushalt leben zu dürfen.»
Susanne lachte, als wäre Eva ein Scherz gelungen. In ihrem Gesicht entstanden fröhliche Grübchen.
«Ach ja?», sagte sie höhnisch und begann, die Bierkrüge in die Vorratskammer zu schaffen. «Und du, Eva? Was hast du schon erreicht? Deine Bildung, die feinen Manieren und das wohlfrisierte Haar sind dir in den Schoß gefallen. Zeigen, wer du wirklich bist und was du kannst, musst du erst hier. Und da fällt dir nichts Besseres ein, als deine Mutter nachzumachen?»
Susanne lächelte sie überlegen an, und Eva wusste in diesem Augenblick, warum sie ihre Stiefschwester fürchtete: Sie sagte immer das, was sie dachte. Kein Taktgefühl, keine Höflichkeit hielten sie davon ab. Und oft hatte sie Recht damit. Aber wer wollte die Wahrheit schon hören? Die Wahrheit schmerzt. Hatte das auch nicht der Fremde gesagt?
Evas Wut legte sich. Sie betrachtete Susanne, als sähe sie sie zum ersten Mal. Ihre Nase war gerade, doch ihr Mund war schmal; leichte Falten neben den Mundwinkeln ließen sie mürrisch aussehen. Aber wenn die Stiefschwester lachte, dann war sie hübsch.
Sie hat zwei Gesichter. Ein mürrisches und ein liebliches. Ich darf das eine nicht über dem anderen vergessen.
Zaghaft lächelte sie sie an und streckte die Hand nach ihr aus: «Behalt den Reif. Er steht dir ebenso gut wie mir.»
Susanne schüttelte den Kopf, zog den Reif ab und legte ihn vor Eva auf den Tisch. «Du hast Recht, er steht mir nicht schlechter als dir. Aber er gehört mir nicht, und ich muss mich nicht mit fremden Federn schmücken.»
Eva schluckte. «Behalte ihn», bat sie. «Ich bitte dich darum.»
Susanne zog fragend die Augenbrauen hoch. Sie wollte etwas erwidern, doch in diesem Augenblick kam Heinrich nach Hause. Eva atmete auf. Sie war froh, dass die Auseinandersetzung mit Susanne dadurch beendet war.
«Den neuen Meister habe ich mir angesehen», erzählte Heinrich fröhlich. «Ich war im Zunfthaus der Goldschmiede. Meister Faber kommt aus dem Thüringischen. Seine Werkstatt dort ist abgebrannt, Frau und Kinder bei dem Brand gestorben. Er ist nach Leipzig gekommen, weil er hier einen Bruder hat, einen Waffenschmied. Andreas Mattstedt hat für Fabers Meistertitel und die Erlaubnis, einer Werkstatt vorzustehen, bereits Geld in die Innungslade gezahlt. So wie der Brauch es will.»
Eva nickte Heinrich zu. «Ja, ja, ich weiß. Ohne Meister keine Werkstatt.»
Eva hätte die Werkstatt am liebsten allein geleitet, doch die Zunftordnung schrieb vor, dass nur ein Meister einer Werkstatt vorstehen könne. Nun, Eva war Gesellin und würde es niemals zur Meisterin bringen. Nicht, weil sie eine schlechte Gesellin gewesen wäre, sondern einfach deshalb, weil Frauen von der Zunft als Meisterin nicht geduldet waren. Sie hatte schon Mühe gehabt, den Gesellenbrief zu erhalten. In Florenz war dies einfacher gewesen als im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. In Florenz war überhaupt so vieles anders gewesen. Im Nachhinein hatte Eva den Eindruck, dass dort bereits eine neue Zeit angebrochen war, die in Deutschland noch in weiter Ferne lag. So schnell würde sich hier nichts ändern. Eva seufzte. Hoffentlich war der neue Meister wenigstens nett. Auf ihre Frage hin lachte Heinrich. «Das genaue Gegenteil von Sibylla. Seine Nase ist vom Wein blaurot geworden. Der Wanst hängt ihm über dem Beinkleid und ist auch nicht von einem Gürtel zu halten. Den Verlust
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