Die Tochter des Schmieds
Hause, nur daß sie in diesem größeren Haushalt noch mehr tun muß. Und je mehr sie schafft,
desto mehr wird ihr aufgebürdet.
Ist hier alles Arbeit und Mühe und Trennung? Nein, es gibt |223| die Briefe, die Fuat und sie sich schreiben. Gül schreibt, wie sie mit den Kindern spielt, wie sie an manchen Abenden mit
ihren Schwägerinnen regelrechte Lachanfälle bekommt, wie sie zusammen ins Kino gehen, wie Fuats Mutter sich nie den zweiten
Film einer Doppelvorstellung ansieht, sondern vorher heimgeht. Sie schreibt, daß ihr Vater jeden Morgen vorbeischaut, sie
schreibt, daß sie ihre Mutter und ihre Schwestern besucht, und sie schreibt sogar, daß sie manchmal traurig ist, wenn sie
sieht, daß das Leben dort ohne sie weitergeht. Sibel sorgt für Ordnung, obwohl Melike nun die Älteste ist. Doch dafür macht
Melike öfter den Mund auf, sagt, was ihr nicht paßt, sagt, wenn sie glaubt, Sibel würde zuviel zugemutet werden, sagt: Nein,
sie kann am Samstag nicht waschen, sie muß noch für die Schule lernen. Sie möchte genau wie ich auf ein Internat.
Das ist es, was Melike sich in den Kopf gesetzt hat. Sie möchte an den Aufnahmeprüfungen für das Internat teilnehmen. Diese
Internate sind eine staatliche Einrichtung, damit Kinder, deren Eltern nicht genug Geld haben, die Oberschule besuchen können,
wo sie zu Lehrern ausgebildet werden.
Gül schreibt auch, daß sie sich mit Suzan angefreundet hat, und manchmal läßt sie sogar durchblicken, daß ihr die Arbeiten
im Haus zuviel werden. Und sie schreibt in den Schlußzeilen immer, daß sie sich nach ihm sehnt, weil sie glaubt, daß sich
das so gehört.
Fuat schreibt von seinen neuen Freunden, alles prima Kerle aus den unterschiedlichsten Ecken des Landes, manche gute Kartenspieler,
manche gute Saufkumpane. Er schreibt von der täglichen Routine, den Strapazen, den Märschen und den unmöglichen Stiefeln,
von denen man sogar auf dem Fußrücken Blasen bekommt. Manchmal schreibt er Passagen voller Bilder und Vergleiche, voller Rosenblätter
und Bergseen, Briefe, in denen sich Hemden entzünden von der Glut des Herzens. Natürlich schreibt er diese Stellen irgendwo
ab, oder jemand anders schreibt sie für ihn. Aber macht das einen Unterschied, wenn er die Worte der anderen gebrauchen muß,
um |224| seine eigenen Gefühle auszudrücken? Macht es einen Unterschied, daß Gül manchmal zwei, drei Briefe schreibt, bevor sie einen
von Fuat erhält?
Und macht es einen Unterschied, daß sie ihren ersten Streit per Post haben?
Gül betrachtet eines Abends im Wohnzimmer ein Foto von Fuat und seinen Freunden. Einige hat sie mittlerweile kennengelernt,
doch an den Namen des einen kann sie sich nicht mehr erinnern. Sie geht zum Kutscher Faruk und sagt:
– Vater, sieh mal, da ist Fuat, das ist Yılmaz, das da ist Rıfat, das ist Can, aber wie heißt der da noch mal?
– Das ist Selami, aber der andere hier, den du Yılmaz genannt hast, das ist Savaş.
– Das ist Yılmaz, sagt Gül trotzig.
– Das ist Savaş, der Sohn des Schusters, der geht hier ein und aus, seit er fünf ist.
– Das ist Yılmaz, ich weiß es genau.
Gül ist sich sicher, und anders als zu Hause reagiert sie bei ihren Schwiegereltern eher trotzig. Hier muß sie keine Rücksicht
nehmen auf ihre Schwestern, hier ist sie nicht um den Frieden im Haus bemüht. Sie fühlt sich zwar immer noch fremd, aber sie
fühlt sich auch freier.
Als Faruk und Gül sich nicht einigen können, steckt Gül das Foto kurzentschlossen mit dem nächsten Brief in den Umschlag und
schreibt dazu: Der dritte von links, ist das Yılmaz oder Savaş? Sie will ihrem Schwiegervater beweisen, daß sie recht hat.
Weiter denkt sie nicht.
Fuat zerreißt den Brief, er zerreißt auch das Foto. Am liebsten würde er sofort nach Hause fahren und seiner Frau mal richtig
Bescheid stoßen. Ja, er heißt Yılmaz, ja, er sieht gut aus, und nein, er ist nicht verheiratet, aber was geht Gül das an.
Warum interessiert sie sich so sehr für diesen Mann, daß sie ihm das Foto schickt? Die kann was erleben, wenn er heimkommt.
Es dauert vier Briefe per Eilpost, zwei hin und zwei zurück, bis Fuat ein wenig besänftigt ist. Gül versteht, daß es unbedacht |225| war, aber sie fühlt sich ebenso geschmeichelt wie gekränkt. Nie würde sie nach anderen Männern schauen. Die anderen mögen
so etwas tun, aber sie nicht. Sie weiß, was sich gehört. Was glaubt Fuat eigentlich, sie ist eine ehrbare Frau. Eine,
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