Die Tore der Welt
Nase gebrochen hatte.
Dann ermahnte sie
sich, nicht so dumm zu sein. Zwar hatte Wulfric sich schon häufig geprügelt;
aber er hatte noch nie eine Frau oder ein Kind geschlagen. Trotzdem ließ sein
Zorn sie zittern.
Doch es ging gar
nicht um sie. Kaum war er in Hörweite, rief er: »Hast du Gram gesehen?«
»Nein, wieso?«
Wulfric blieb
keuchend bei ihr stehen. »Wie lange bist du schon hier?« »Ich bin kurz vor
Tagesanbruch aufgestanden.« Wulfric ließ die Schultern hängen. »Dann ist der
Kerl schon außer Reichweite, falls er hier entlanggekommen ist.« »Was ist denn
passiert?« »Gram ist verschwunden — mit meinem Pferd.« Das erklärte Wulfrics Wut.
Ein Pferd war ein
kostbarer Besitz, den sich nur wohlhabende Bauern wie Wulfrics Vater leisten
konnten. Gwenda fiel plötzlich ein, wie rasch Gram das Thema gewechselt hatte,
als sie gesagt hatte, vielleicht seinen Bruder zu kennen. Natürlich hatte er gar
keinen Bruder in der Priorei. Auch die Familie, die er angeblich bei einem
Brand verloren hatte, gab es sicher nicht. Gram war ein Schwindler, der sich
das Vertrauen der Dorfbewohner erschlichen hatte, um sie zu bestehlen. »Was
waren wir für Narren, dass wir ihm seine Geschichte abgekauft haben!«, sagte
sie.
»Und ich war der
größte Narr von allen, dass ich ihn auch noch in mein Haus aufgenommen habe«,
sagte Wulfric verbittert. »Er ist gerade lange genug geblieben, dass die Tiere
ihn kannten. Deshalb hat das Pferd sich von ihm führen lassen, und der Hund hat
nicht gebellt.«
Gwenda bedachte
Wulfric mit einem mitleidigen Blick. Gerade jetzt, wo er sein Pferd am
dringendsten gebraucht hätte, war es ihm gestohlen worden. »Ich glaube nicht,
dass Gram hier entlanggekommen ist«, sagte sie. »Er kann nicht aufgebrochen
sein, ehe ich aufgestanden bin, dafür war die Nacht zu dunkel. Und wenn er mir
gefolgt wäre, hätte ich ihn gesehen.« Es gab nur eine Straße, die ins Dorf
hinein- und wieder hinausführte: Sie endete in einer Sackgasse vor dem
Lehnshaus. Doch es gab Feldwege. »Vermutlich hat er den Weg zwischen Brookfield
und Longfield genommen. So kommt man am schnellsten in den Wald.«
»Das Pferd kommt im
Wald nur langsam voran. Vielleicht kann ich ihn noch einholen.« Wulfric drehte
sich um und lief denselben Weg zurück, den er gekommen war.
»Viel Glück!«, rief
Gwenda ihm hinterher. Er winkte ihr zu, ohne den Kopf zu drehen.
Doch er hatte kein
Glück.
Spät an diesem
Nachmittag trug Gwenda einen Sack Erbsen vom Brookfield zur Scheune des Herrn.
Als sie am Longfield vorbeikam, sah sie Wulfric wieder. Er grub mit einem
Spaten in seiner Brache.
Offensichtlich
hatte er weder Gram eingeholt noch sein Pferd gefunden.
Gwenda stellte den
Sack ab und ging über das Feld zu ihm. »Das geht nicht«, sagte sie. »Du hast
hier dreißig Morgen Land, und wie viel hast du gepflügt? Zehn? Kein Mann kann
zwanzig Morgen umgraben.«
Wulfric grub
weiter, ohne ihr in die Augen zu schauen. »Ich kann aber nicht pflügen«, sagte
er. »Ich habe kein Pferd.«
»Stell dich selbst
ins Geschirr«, sagte Gwenda. »Du bist stark, und es ist ein leichter Pflug. Und
du willst ja nur die Disteln unterpflügen.«
»Ich habe aber
keinen, der den Pflug lenkt.« »Doch.« Er starrte sie an.
»Ich mache das«,
sagte sie.
Wulfric schüttelte
den Kopf.
Gwenda sagte: »Du
hast deine Familie verloren und nun auch noch dein Pferd. Du schaffst es nicht
allein. Du musst meine Hilfe annehmen.«
Wulfric wandte sich
ab und schaute über die Felder zum Dorf.
Gwenda wusste, dass
er an Annet dachte.
»Morgen früh komme
ich wieder her«, sagte Gwenda.
Sein Blick kehrte
zu ihr zurück. Auf seinem Gesicht kämpften widerstreitende Gefühle. Er war hin- und hergerissen zwischen seiner Liebe zu seinem Acker und seinem Verlangen nach
Annet.
»Ich klopfe bei dir
an«, sagte Gwenda. »Wir werden den Rest zusammen pflügen.« Sie drehte sich um
und ging davon. Dann blieb sie noch einmal stehen und schaute zurück.
Er sagte nicht Ja.
Aber er sagte auch
nicht Nein.
Sie pflügten zwei
Tage; dann machten sie Heu und ernteten das Frühlingsgemüse.
Da Gwenda nun kein
Geld mehr verdiente, um Witwe Huberts für Kost und Logis zu bezahlen, brauchte
sie einen anderen Schlafplatz, und so zog sie in Wulfrics Kuhstall ein. Als sie
ihm den Grund dafür sagte, erhob er keine Einwände.
Nach dem ersten Tag
ließ Annet, die Wulfric jeden Mittag ein Essen gebracht hatte,
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