Die Zuckerbäckerin
Sonia zur Antwort geben können, daà sie die einzige war, die sich bei der täglichen Arbeit die Hände blutig schlug und das Kleid so sehr verschmutzte, daà Ludovika sie deswegen sogar einmal geschlagen und eine Schande für die königliche Hofküche genannt hatte. Sonia gab sich nicht die geringste Mühe, ihre Arbeit ordentlich zu verrichten. Sie versuchte nicht einmal, den Anschein zu erwecken, als bemühe sie sich. Und im Gegensatz zu Eleonore konnte sie nichts Interessantes darin erkennen, für sie bedeutete jeder Tag nur Mühsal und wiederkehrende Eintönigkeit. Im Gegenteil, sie haÃte den groÃen und gut funktionierenden Küchenbetrieb. Nur beim Abendessen in der Küche war Sonia immer die erste, die den Löffel in die Suppe tauchte, die gierig den Teller in die Mitte hielt, um ein zweites oder drittes Stück von Lilis WeiÃbrot zu erbitten, oder die hungrig zu Eleonore hinüberlinste, ob diese wohl den Fettrand ihrer Scheibe Schinken an sie abtreten würde. Auch tagsüber wurde sie immer wieder dabei ertappt, daà sie sich etwas in den Mund oder in die Schürzentasche stopfte. Und das gute und reichliche Essen zeigte seine Wirkung: Wo früher spitze Knochen in Sonias Gesicht hervorstachen, wölbten sich jetzt runde Wangen. Auch war der Grauschleier auf ihrer Haut verschwunden und an dessen Stelle ein zartes Rose getreten. Lediglich ihre Haare waren noch genauso störrisch wie früher und standen in seltsamem Kontrast zu ihren Gesichtszügen. Der Gedanke, daà sie ihr Wohlbefinden zu einem Teil auch den Köchen zu verdanken hatte, wäre Sonia jedoch nie in den Sinn gekommen. Statt bei den Küchenvorstehern guten Wind zu machen, sich einmal freiwillig für eine ungeliebte Arbeit anzubieten oder darauf zu hoffen, etwas Neues lernen zu können, war Sonia oft stundenlang wie vom Erdbodenverschwunden. Wo sie sich dann aufhielt und was sie während dieser Zeit tat â davon hatte Eleonore nicht die geringste Ahnung. Doch sie betete jeden Abend, ihre Schwester möge nichts anstellen, was sie ins Unglück stürzen könnte.
Plötzlich spürte Eleonore die Kälte der Nacht, und sie legte die Arme um ihren Leib. Sie seufzte. Um sie herum war es still geworden. Die anderen Bediensteten waren längst wieder innerhalb der schützenden SchloÃmauern. Auch die königliche Schlittenfahrt muÃte zu Ende sein, denn von den Stallungen tönte das Gewieher der Rösser, die ihre heimkehrenden Stallgefährten begrüÃten.
»Komm, laà uns auch hineingehen, sonst essen sie uns am Ende noch alles weg«, versuchte Eleonore mühsam einen Scherz. Als sie sich jedoch bei Sonia einhaken wollte, befreite diese sich mit einem Ruck.
»Ja, geh du nur rein zu deiner Lili und deiner Sophie. Und vor allem zu dem rothaarigen Idioten! Ich habe heut nacht was anderes vor!« Mit einem Griff zog sie ein Tuch aus ihrer Schürzentasche, band es sich um den Kopf und rannte dann in Richtung der Pferdeställe davon. Bei jedem ihrer Schritte schlugen die unzähligen Armreifen an ihren Handgelenken zusammen und stimmten eine unselige Melodie an.
Für einen Augenblick war Eleonore unfähig, auch nur einen Schritt zu tun. Ihre Zunge war wie gelähmt, als sie Sonia nachrufen wollte.
»Gräm dich nicht. Sie ist es nicht wert.«
Erschrocken fuhr Eleonore zusammen. Als sie sich umdrehte, blickte sie in Leonards Gesicht. Auf seiner Schulter trug er ein schweres Bündel Holz. Seine Augen blitzten wütend. Unwillkürlich machte ihr Herz einen kleinen Sprung.
»Was weiÃt denn du? Wie kannst du es wagen, etwas gegen Sonia zu sagen! Du kennst sie doch gar nicht!«Leonards Bemerkung hatte sie mehr verletzt, als Sonias barsches Verhalten dies je vermocht hätte. Warum muÃte er seinen Finger in ihre einzige offene Wunde legen? Sie wuÃte, daà Sonia kein Engel war, aber wer war das schon? Sie deswegen gleich zu verdammen? Die Flucht nach vorn ergreifend, zischte sie: »AuÃerdem â was fällt dir ein, uns zu belauschen?« Dann drehte sie sich weg, um ins Haus zu gehen.
»Ja, renn nur davon, wenn dir jemand die Wahrheit über deine Schwester sagen will.« Herausfordernd blieb Leonard im SchloÃhof stehen. Daà er zufällig das Gespräch der beiden gehört hatte â war dies ein Wink des Schicksals? Vielleicht würde es ihm gelingen, Eleonore die Augen über
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