Dieses heiß ersehnte Glueck
Gewehr zu bewaffnen.
Wieder verging eine Stunde. Sie begann sich zu fragen, ob sie tatsächlich ihren eigenen Bruder erschießen könnte.
Ein Geräusch, das von Wesleys Lager herüberkam, erschreckte sie; aber es war nur ein leises Schnarchen und Rascheln, als sich Wes auf die andere Seite drehte.
Als Abes Signal kam, ein hoher, schriller Pfeifton, war Leah mehr als bereit. Langsam und geräuschlos schlüpfte sie aus ihren Decken und verließ auf Zehenspitzen den Lagerplatz. Sie verbot es sich, an den dunklen Wald zu denken oder sich an den riesigen Mann zu erinnern, der Abe wie ein Schatten gefolgt war. Sie stieg tapfer über umgestürzte Baumstämme und an bedrohlichen dunklen Gebilden vorbei, auf den Pfeifton zu, der sich wiederholte, wenn sie vom Weg abzukommen schien.
So marschierte sie mindestens eine Meile weit, ehe Abe hinter einem Weidenbaum hervorschlüpfte.
Leah machte einen Satz rückwärts, die Hand an der Kehle.
»Habe ich dich erschreckt, kleine Schwester?«
»Nur, wie mich jeder Verbrecher erschreckt.«
Abe sah fast gekränkt aus. »Ich dachte, du würdest dich freuen, mich wiederzusehen. Ich freute mich jedenfalls, als ich dich erkannte.«
»Wo steckt dieses Wesen, das dich begleitet?«
Abe bewegte nur den Kopf zu einem Baum hin.
Leah blickte zur Seite und sah den Schatten eines riesigen Arms. Sie holte erschrocken Luft, als sie sich umdrehte und den jungen Mann keine zehn Zoll entfernt hinter sich stehen sah. Sie bewegte sich einen Schritt von diesem Koloß weg, während er keine Miene verzog.
Abe nahm ihren Oberarm. »Du mußt ihn gar nicht beachten«, sagte er und zog sie ein Stück von ihm weg. »Er ist nicht ganz richtig, weißt du?« Dabei tippte er sich mit dem Finger gegen die Stirn.
»Das hat er bei seiner Größe auch nicht nötig«, fauchte Leah und wischte Abes Hand von ihrem Arm. »Wann hast du das letztemal gebadet?« fragte sie, die Nase rümpfend.
»So etwas mußt ausgerechnet du mich fragen! Als ich dich zum letztenmal sah, warst du schmutziger, als ich jemals gewesen bin. War wohl in der Zeit, als du noch nicht mit Leuten wie den Stanfords Umgang hattest.«
Leah richtete sich zu ihrer ganzen Größe auf. »Ich bin zufällig Wesley Stanfords Frau!«
»Du?« Abe wich einen Schritt vor ihr zurück und gaffte sie mit offenem Mund an. »Du, eine Simmons, verheiratet mit einem Stanford?« Er begann laut zu lachen. »Hast du das gehört, Bud? Meine eigene, leibliche Schwester bildet sich ein, sie wäre mit einem Stanford verheiratet!«
Bud gab nicht zu erkennen, ob er Abes Worte gehört hatte.
»Ich wußte gar nicht, daß du so perfekt lügen kannst«, fuhr Abe fort und lachte immer noch. »Alle Simmons-Frauen sind Huren; aber in der Regel ehrliche Huren. Selbst Ma... au!«
Er konnte seinen Satz nicht beenden, weil ihm Leah eine schallende Ohrfeige versetzt hatte.
»Du kleine . . . «, fauchte er. »Willst du, daß ich Bud auf dich hetze? Er kann solch schmächtige Dinger wie dich mit einer Hand auseinanderreißen. Bud!«
Bud rührte sich nicht, Leah ebenfalls. Sie starrte zu dem Hünen hinauf und hoffte nur, daß er nicht sah, wie sehr sie zitterte. Bud sah sie einen Moment lang an und blickte dann wieder in die dunkle Leere des Waldes hinein.
»Nun«, sagte Abe, »vielleicht ist Bud heute nicht in der richtigen Stimmung dafür.«
Leah gab ihren angehaltenen Atem frei. »Vielleicht hat er auch eine Mutter und ist wie ich der Meinung, daß
Leute, die Schlechtes über ihre Mutter reden, eine Ohrfeige verdienen!«
»Teufel, Bud und Cal haben keine Mutter gehabt! Jemand muß sie aus einem Berg herausgeschnitten haben. Aber vergiß jetzt mal diese Spatzengehirne. Ich habe etwas Geschäftliches mit dir zu besprechen.«
»Wer ist Cal?«
»Ich hab’ dir doch gesagt, du sollst die beiden vergessen! Und das war auch nicht so gemeint vorhin, das mit der Hure. Selbst wenn du eine wärest, kratzt mich das nicht, weil ich von dir nur deinen . .. deinen Verstand brauche«, sagte er freundlich. »Du bist immer schon die hellste in der Familie gewesen. Ma meinte immer, es wäre zu schade, daß du als eine Simmons auf die Welt gekommen bist. Kannst du mir folgen?«
»Nur zu gut. Ich beginne zu begreifen, daß du etwas von mir verlangst.«
»Na also.« Er grinste. Einer von seinen Schneidezähnen war angefault. »Ich wußte doch, daß du ein helles Köpfchen hast. Und gut siehst du auch aus. Hübsch wie eine Lady und redet auch so.«
»Wenn du mir schmeicheln willst, kannst du
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