Drachenbraut
mitbekommen, aber dass sie von solch einer Farbenpracht waren, sah sie zum ersten Mal. Die Muster veränderten sich beständig, waren keine Muster, sondern willkürlich gezogenen Farbflammen. Es war wunderschön und ihr stockte der Atem. Lange sah sie ihn einfach nur an, bis er den Kopf senkte und die Augen schloss, als wolle er sie aussperren.
Sie war von dieser Reaktion überrascht. «Valentin?»
Wortlos stand er auf.
Okay, dann keine Kommunikation mehr. War ihr auch recht. Sie ließ die Energie noch ein paar Minuten fließen, bis sie spürte, dass der Hund langsam anfing, sich zu entspannen. Sie strich ihm ein letztes Mal über den Bauch.
«Schlaf gut», murmelte sie, erhob sich ebenfalls und steuerte die verlockenden Kissen des großen Bettes an. «Ich schlafe im Bett. Wo schlafen Sie?»
«Sessel.»
Seine Stimme war rau. Tatsächlich hatte er sich auf einen der großen, mit kostbarem Seidenstoff bezogenen Ohrensessel niedergelassen. Die Beine hatte er auf dem kleinen Tisch davor gekreuzt.
«Gute Nacht.»
Sie erwartete keine Antwort und bekam auch keine. Sie warf seiner großen Gestalt noch einen letzten Blick zu und schlüpfte komplett bekleidet ins Bett. Sie zog sich die mit herrlich glattem Stoff bezogene Decke bis unter das Kinn und rollte sich ein. Sie war komplett durcheinander und hundemüde. Aber seine Anwesenheit beruhigte sie. Was schon sonderbar war, schließlich kannte sie ihn kaum. Okay, wohl eher gar nicht. Trotzdem hatte das Wissen, dass er nur wenige Meter von ihr entfernt war, etwas sehr Tröstliches.
Die ersten Minuten sorgte sie sich noch, ob sie den bitter nötigen Schlaf finden würde, aber nur wenige Atemzüge später spürte sie, wie der warme Sog der Träume sie mit sich nahm.
Gott, was vermochte diese Frau mit ihm anzustellen?
Valentin hatte das Licht gelöscht, starrte aber mit weit geöffneten Augen in die Dunkelheit, in der er ihren Körper unter der Bettdecke ausmachen konnte.
Sie war so sonderbar. Sein «Nein» war in ihrer Welt ein «Ja». Sie war chaotisch und schien seinen Sinn für Ordnung belustigend zu finden.
Noch viel mehr verwirrte ihn allerdings ihre Stärke. Die Fähigkeit, eine Notwendigkeit zu erkennen und anzunehmen. Sie hatte sich alle Fakten angehört und dann eine Entscheidung getroffen. Ohne großes Lamento, ohne damit zu hadern. Das alles verwirrte ihn. Es war einfach zu lange her, dass er jemandem begegnet war, der sich ihm gegenüber völlig authentisch und normal verhalten hatte.
Das, was er heute Abend kennengelernt hatte, war eine echte Frau. Eine Frau, die Entscheidungen traf und nicht einmal im Traum daran dachte, sich von ihm am Umsetzen eben dieser hindern zu lassen. Vermutlich würde nur rohe Gewalt sie von irgendetwas abhalten, was sie sich in den Kopf gesetzt hatte.
Außerdem hatte sie ihre Gabe benutzt. Direkt vor seinen Augen. Und er hatte es akzeptiert, um Oskars willen.
Sie hatte ihn zwangsverarztet – schon zum zweiten Mal –, und auch das hatte er so hingenommen. Ganz nebenbei hatte sie auch noch die Suite verwüstet. Keine Stunde war sie da und im Bad befanden sich ihre Schuhe, ihr iPhone lag auf dem Teppich neben dem Bett und sowohl ihre Jacke als auch ihre Handtasche lagen irgendwo neben und hinter dem Fernseher herum.
In seinem Leben hatten die Dinge ihren Platz. Das mochte durchaus zwangsneurotische Züge haben, aber er brauchte diese Ordnung. In seiner Umgebung und in seiner Seele. Josefine aber offensichtlich nicht. Erschöpft schloss er die Augen. Irritiert von gleich zwei fremden Atemgeräuschen öffnete er sie allerdings sofort wieder.
Oskars Atemfrequenz hatte sich nach ihrer Behandlung normalisiert. Er war dankbar dafür. Auch wenn er die Sorge um ihn säuberlich unter Verschluss gehalten hatte, war sie seit dem Zusammenstoß auf der Landstraße doch permanent da gewesen und hatte an ihm genagt. Auch Josefines Atem ging jetzt langsamer. Sie hatte sich aus ihrer zusammengerollten Position auf den Rücken gedreht und hielt eines der Kissen fest im Arm. Die Decke bedeckte nur knapp ihre Hüfte.
Ehe er darüber nachdenken konnte, erhob er sich und ging leise zum Bett. Mit einer vorsichtigen Bewegung zog er die Decke etwas höher und blieb dann regungslos neben dem Bett stehen und sah auf die schlafende Frau hinab. Er hatte sie zugedeckt, damit sie nicht fror. Warum tat er das?
Sie murmelte etwas im Schlaf und drehte sich ein wenig zur Seite, und auf eine seltsame Art fühlte er sich ertappt. Langsam ging er zurück
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