Drei Hände Im Brunnen
eine erschreckende Verantwortung.«
»Haben Sie die Entscheidung des Zensors angenommen?«, fragte ich und lachte leise.
»Nicht ganz. Die erste Möglichkeit war, dagegen zu protestieren, was bedeutet hätte, mit viel Mühe und finanziellem Aufwand Quittungen und Belege beizubringen, über die der Zensor nur gelacht hätte. Die zweite Möglichkeit bestand darin, schweigend zu zahlen, dann würden sie mir halbwegs entgegenkommen.«
»Eine Bestechung!«, rief Helena.
Ihr Vater sah schockiert aus oder tat zumindest so. »Niemand besticht den Kaiser, Helena Justina.«
»Oh, dann war es ein Kompromiss «, schnaubte sie wütend.
Da es mir auf der Bank zu eng wurde, stand ich auf, um den Gartenspringbrunnen an einer nahe gelegenen Mauer zu inspizieren – ein betrunkener Silenos, aus dessen Weinschlauch ein dünnes Rinnsal sprudelte. Der arme alte Gott hatte nie viel hergemacht; heute wurde der Wasserzufluss auch noch zusätzlich durch eine Feige behindert, die von einem Baum an der sonnigen Mauer herabgefallen war. Ich fischte sie heraus. Nun gurgelte das Wasser etwas stärker.
»Danke.« Der Senator war es gewöhnt, mit Dingen umgeben zu sein, die nicht funktionierten. Ich schlenderte zu einem Beet, in dem die Taglilien vom letzten Jahr eingepflanzt waren. Sie hatten mit den Käfern zu kämpfen, ihre Blätter waren zerbissen und stark vom Brand befallen. Sie blühten nicht und würden im nächsten Jahr wahrscheinlich eingehen. Lilienkäfer sind knallrot und leicht zu übertölpeln, also schnippte ich einige in meine Hand, ließ sie auf das Steinpflaster fallen und zertrat sie.
Nachdem ich den Brunnen noch mal überprüft hatte, erzählte ich dem Senator von der abgetrennten Hand. Ich wusste, dass er für den Privatzugang zu einem der Aquädukte bezahlte. »Unser Wasser scheint recht sauber zu sein«, sagte er. »Es kommt von der Aqua Appia.«
»Genau wie das in den Brunnen auf dem Aventin«, gab ich zu bedenken.
»Ich weiß. Die Brunnen haben Vorrang. Ich zahle eine hohe Gebühr, aber die Vorschriften für Privathaushalte sind sehr strikt.«
»Die Wasserbehörde bestimmt die Ihnen zustehende Menge?«
»Die Behörde hat mir einen Calix, eine geeichte Düse, zugeteilt, die in die Wand des Beckens im Castellum eingesetzt ist.«
»Können Sie nicht das Rohr verbiegen und den Wasserzufluss erhöhen?«
»Alle privaten Zuleitungen sind aus Bronze gefertigt, um zu verhindern, dass sie illegal vergrößert werden – obwohl ich glaube, dass manche Leute es versuchen.«
»Wie groß ist Ihr Wasserrohr?«
»Nur eine Quinaria.« Also bloß etwas über einen Digiuts im Durchmesser. Die kleinste Düse, aber da das Wasser Tag und Nacht ununterbrochen floss, reichte es für einen vernünftig geführten Haushalt. Camillus hatte kein Geld zu verschenken. Er war die Art Millionär, der ganz genau rechnen musste.
»Zu eng als Durchlass für irgendwelche Gegenstände«, bemerkte Helena.
»Ja, den Göttern sei Dank. Wir kriegen viel Sand, aber der Gedanke an irgendwelche Körperteile in meinem Brunnen wäre mir äußerst unangenehm.« Er erwärmte sich für das Thema. »Wenn sich zu viel Sand und Dreck im Aquädukt ansammelt, könnte mein Calix innerhalb des Castellums verstopfen. Privathaushalte werden immer als Erste von der Wasserversorgung abgeschnitten. Das ist wohl auch nur gerecht.« Camillus war stets tolerant. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Wasserbehörde zugibt, etwas so Unhygienisches innerhalb des Castellums gefunden zu haben. Ich gehe davon aus, dass ich mit reinstem Wasser direkt von den Caerulischen Quellen versorgt werde – aber kann man das Zeug aus den Aquädukten wirklich gefahrlos trinken?«
»Halten Sie sich an Wein«, riet ich ihm. Was uns daran erinnerte, nach drinnen zum Essen zu gehen.
Als wir durch die Falttüren ins Esszimmer traten, fanden wir den Tisch üppiger gedeckt als sonst, also hatte die Vaterschaft doch Vorteile. Sieben Erwachsene würden hier speisen. Ich küsste die Wange von Julia Justa, Helenas Mutter, einer stolzen, höflichen Frau, der es gelang, dabei nicht zusammenzuzucken. Ihren ältesten Sohn Aelianus begrüßte ich mit gespielter Lauterkeit, da ich wusste, dass ihn das ärgern würde, und schenkte dann der großen, schlanker gebauten Gestalt seines Bruders Justinus ein ungeheucheltes Lächeln.
Neben der gesamten Camillus-Familie und meiner Wenigkeit war da noch Claudia Rufina,
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