Ein Hauch von Schnee und Asche
Katechismus gelernt hatte, aber so etwas vergaß man schließlich nicht.
»Die Voraussetzungen für eine Todsünde sind diese«, sagte sie den exakten Wortlaut aus dem Gedächtnis auf. »Erstens, dass die Handlung ein gravierender Fehler ist. Zweitens, dass dem Handelnden bewusst ist, dass es ein Fehler ist. Und drittens – dass er ihn in vollem Bewusstsein begeht.«
Er beobachtete sie gebannt.
»Nun, es ist falsch gewesen, und das wusste ich wohl auch – aye, ich habe es gewusst. Vor allem -« Sein Gesicht verfinsterte sich noch mehr, und sie fragte sich, welche Erinnerung ihm wohl gerade gekommen war.
»Aber – wie sollte ich denn einem Gott dienen, der um der Sünden des Vaters willen ein Kind nehmen würde?« Ohne eine Antwort abzuwarten, richtete er den Blick auf die Böschung, wo die Überreste des Mammuts in der Zeit erstarrt lagen. »Oder sind sie es gewesen? War es gar nicht mein Gott, sondern die Geister der Irokesen? Haben sie gewusst, dass ich kein echter Mohawk bin – dass ich ihnen einen Teil meiner selbst vorenthalten habe?«
Todernst richtete er seine Augen wieder auf sie.
»Götter sind doch eifersüchtig, oder?«
»Ian …« Sie schluckte hilflos. Aber sie musste irgendetwas sagen.
»Was du getan hast – oder nicht getan hast -, das war nicht falsch, Ian«, sagte sie unbeirrbar. »Deine Tochter … sie war zur Hälfte Mohawk. Es war
nicht falsch, sie nach den Gebräuchen ihrer Mutter beerdigen zu lassen. Deine Frau – Emily – sie wäre doch furchtbar bestürzt gewesen, wenn du darauf bestanden hättest, das Baby zu taufen, oder nicht?«
»Aye, vielleicht. Aber…« Er schloss die Augen und ballte die Hände auf seinen Oberschenkeln zu Fäusten. »Aber wo ist sie dann?«, flüsterte er, und sie konnte die Tränen auf seinen Wimpern beben sehen. »Die anderen – sie sind ja gar nicht geboren worden; Gott wird sie in Seiner Hand halten. Aber die kleine Iseabail – sie kann doch nicht im Himmel sein, oder? Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass sie – dass sie vielleicht… irgendwo umherirrt. Wandert.«
»Ian …«
»Ich höre sie weinen. In der Nacht.« Er atmete in tiefen Schluchzern. »Ich kann ihr nicht helfen, ich kann sie nicht finden!«
»Ian!« Auch ihr liefen nun die Tränen über die Wangen. Sie packte ihn an den Handgelenken und drückte zu, so fest sie konnte. »Ian, hör mir zu!«
Er holte zitternd Luft und hielt den Kopf gesenkt. Dann nickte er kaum merklich.
Sie richtete sich zum Knien auf und zog ihn fest an sich, den Kopf an ihre Brust gedrückt. Sie presste die Wange an die Oberseite seines Kopfes und spürte sein Haar warm und nachgiebig an ihrem Mund.
»Hör mir zu«, sagte sie leise. »Ich hatte noch einen anderen Vater. Den Mann, der mich aufgezogen hat. Er ist jetzt tot.« Das Gefühl der Untröstlichkeit über seinen Verlust war lange Zeit gedämpft gewesen, durch neue Tochterliebe abgeschwächt, durch neue Verpflichtungen verdrängt. Jetzt überkam es sie wieder wie am ersten Tag, quälend scharf wie eine Stichwunde. »Ich weiß – ich weiß, dass er im Himmel ist.«
War er das wirklich? Konnte er tot und im Himmel sein, obwohl er noch gar nicht geboren war? Und doch war er für sie tot, und für den Himmel spielte die Zeit ganz bestimmt keine Rolle.
Sie hob das Gesicht in Richtung der Böschung, richtete ihre Worte jedoch weder an die Knochen noch an Gott.
»Papa«, sagte sie, und ihr brach die Stimme bei diesem Wort, doch sie hielt ihren Vetter fest. »Papa, ich brauche dich.« Ihre Stimme klang kleinlaut und bedauernswert unsicher. Doch andere Hilfe gab es nicht.
»Du musst Ians kleines Mädchen für mich finden«, sagte sie, so bestimmt sie konnte, und versuchte, das Gesicht ihres Vaters heraufzubeschwören, ihn oben auf der Böschung im wogenden Laub zu sehen. »Bitte such sie. Nimm sie in die Arme, und sorge dafür, dass sie in Sicherheit ist. Kümmere – bitte kümmere dich um sie.«
Sie hielt inne und hatte das obskure Gefühl, dass sie noch etwas sagen sollte, etwas Feierlicheres. Das Kreuzzeichen machen? ›Amen‹ sagen?
»Danke, Papa«, sagte sie leise und weinte, als wäre ihr Vater gerade erst gestorben, und sie weinte allein, verwaist, verirrt in der Nacht. Ian hatte die
Arme um sie geschlungen, und sie klammerten sich aneinander und hielten sich fest, während sich die Wärme der Nachmittagssonne schwer auf ihre Köpfe legte.
Sie lag ihm immer noch in den Armen, als sie aufhörte zu weinen, und ihr Kopf ruhte an seiner
Weitere Kostenlose Bücher