Erzählungen
ich
25
dir nach." "Gut", sagte die Frau und steigt zur Gasse auf. Na-türlich sieht sie mich gleich. "Frau Kohlenhändlerin", rufe ich,
"ergebenen Gruß; nur eine Schaufel Kohle; gleich hier in den Kübel; ich führe sie selbst nach Hause; eine Schaufel von der
schlechtesten. Ich bezahle sie natürlich voll, aber nicht gleich, 30
nicht gleich." Was für ein Glockenklang sind die zwei Worte
'nicht gleich' und wie sinnverwirrend mischen sie sich mit dem
Abendläuten, das eben vom nahen Kirchturm zu hören ist!
"Was will er also haben?" ruft der Händler. "Nichts", ruft die Frau zurück, "es ist ja nichts; ich sehe nichts, ich höre nichts; 35
nur sechs Uhr läutet es und wir schließen. Ungeheuer ist die
Kälte; morgen werden wir wahrscheinlich noch viel Arbeit
haben."
Sie sieht nichts und hört nichts; aber dennoch löst sie das
Schürzenband und versucht mich mit der Schürze fortzuwe-
40
hen. Leider gelingt es. Alle Vorzüge eines guten Reittieres hat
_________________________________________________________________
Franz Kafka: Erzählungen
- 134 -
mein Kübel; Widerstandskraft hat er nicht; zu leicht ist er;
eine Frauenschürze jagt ihm die Beine vom Boden.
"Du Böse", rufe ich noch zurück, während sie, zum Geschäft sich wendend, halb verächtlich, halb befriedigt mit der Hand in
5
die Luft schlägt "du Böse! Um eine Schaufel von der schlechtesten habe ich gebeten und du hast sie mir nicht gegeben."
Und damit steige ich in die Regionen der Eisgebirge und verlie-
re mich auf Nimmerwiedersehen.
_________________________________________________________________
Franz Kafka: Erzählungen
- 135 -
Weitere Kostenlose Bücher