Ferne Ufer
Rotes Schild«, sagte er lächelnd.
»Rotes Schild«, sagte ich, da mir plötzlich etwas dämmerte, » Rothschild ?«
»Ja, Sassenach, warum?«
»Mir ist nur was durch den Kopf gegangen.« Ich blickte zum Fenster; das Klappern der Holzschuhe war längst im Straßenlärm untergegangen. »Wahrscheinlich hat jeder mal klein angefangen.«
»Fünfzehn Mann auf des toten Manns Kist’«, bemerkte ich.
»Heho und’ne Buddel voll Rum.«
Jamie sah mich merkwürdig an.
»Aye?« sagte er.
»Der tote Mann ist der Herzog«, erklärte ich. »Glaubst du, der Schatz der Seehunde gehörte wirklich ihm?«
»Das würde ich nicht beschwören, aber es spricht viel dafür.« Jamie trommelte nachdenklich mit seinen beiden steifen Fingern auf den Tisch. »Als Jared den Münzhändler Meyer erwähnte, dachte ich, man könnte mal nachfragen - denn wahrscheinlich war derjenige, der die Bruja entsandte, um den Schatz zu holen, derselbe Mann, der ihn dort versteckt hatte.«
»Gut überlegt«, sagte ich, »aber offensichtlich war es nicht derselbe Mann, sofern der Herzog den Schatz dort versteckt hat. Glaubst du, der Schatz ist insgesamt fünfzigtausend Pfund wert?«
Nachdenklich betrachtete Jamie sein Spiegelbild in der bauchigen Karaffe. Dann nahm er sie und füllte sein Glas, um sich geistig zu stärken.
»Vom Metallwert her nicht. Aber ist dir aufgefallen, zu welchen Preisen einige Münzen aus Meyers Katalog gehandelt wurden?«
»Ja.«
»Bis zu tausend Pfund - Sterling! - für eine schimmliges Stückchen Metall!« rief er verwundert.
»Ich glaube nicht, daß Metall schimmelt«, erwiderte ich, »aber
ich verstehe, was du meinst. Auf jeden Fall«, sagte ich und tat die Frage mit einer Handbewegung ab, »geht es darum: Glaubst du, daß es sich beim Schatz der Seehunde um die fünfzigtausend Pfund handelt, die der Herzog den Stuarts versprochen hatte?«
Anfang 1744, als Charles Stuart in Frankreich weilte und seinen königlichen Cousin Louis zu überreden suchte, ihm Unterstützung zu gewähren, hatte er eine kodierte Botschaft des Herzogs von Sandringham erhalten, der ihm fünfzigtausend Pfund anbot - genug, um den Sold einer kleinen Armee zu bezahlen - unter der Bedingung, daß er nach England ziehen und den Thron seiner Vorfahren zurückerobern sollte.
Ob es dieses Angebot gewesen war, das den unentschlossenen Prinzen schließlich bewogen hatte, seinen unheilvollen Kriegszug zu wagen, würden wir nie erfahren. Aber er war gen Schottland gezogen - mit nur sechs Gefährten im Gefolge sowie zweitausend holländischen Breitschwertern und einigen Fässern Branntwein, um die Herzen der Clanoberhäupter des Hochlands zu gewinnen.
Auf jeden Fall hatten die fünfzigtausend Pfund nie den Besitzer gewechselt, weil der Herzog gestorben war, bevor Charles England erreicht hatte. Eine andere Überlegung, die mich in schlaflosen Nächten quälte, war die Frage, ob das Geld den Lauf der Geschichte beeinflußt hätte. Wäre Charles Stuart mit dieser Summe in der Lage gewesen, seine zerlumpte Hochlandarmee bis nach London zu führen, den Thron zu erringen und die Krone seines Vaters zurückzuerobern?
Wenn ihm das gelungen wäre - dann wäre der Aufstand der Jakobiten vielleicht erfolgreich verlaufen, dann hätte die Schlacht von Culloden nie stattgefunden, ich wäre nie durch den Steinkreis zurückgekehrt… und Brianna und ich wären wahrscheinlich beide bei der Geburt gestorben, und mittlerweile zu Staub und Asche zerfallen. Die zwanzig Jahre hätten an sich ausreichen müssen, mich zu lehren, wie müßig dieses »Was wäre, wenn« ist.
Jamie hatte nachgedacht und rieb sich versonnen die Nasenwurzel.
»Möglich«, sagte er schließlich, »vorausgesetzt man kennt den rechten Markt für Münzen und Edelsteine - wenn man genug Zeit hat, gute Käufer zu finden, aye, da könnten fünfzigtausend Pfund drin sein.«
»Duncan Kerr war Jakobit, nicht wahr?«
Jamie nickte stirnrunzelnd. »Das war er. Aye, es könnte sein - aber für einen Armeeführer ist es nicht ganz einfach seine Truppen mit einem alten Schatz zu bezahlen!«
»Ja, aber er nimmt nicht viel Platz ein, man kann ihn leicht bei sich tragen und verstecken«, erklärte ich. »Und wenn du der Herzog wärst und im Begriff, durch ein Bündnis mit den Stuarts Hochverrat zu begehen, könnte das eine wichtige Überlegung sein. Fünfzigtausend Pfund Sterling zu schicken, hieße Geldkassetten mit Wachleuten - das würde viel mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen, als einen Mann mit einer
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