Gefaehrten der Finsternis
Zöpfchen geflochten. Sein Lächeln enthüllte strahlend weiße, ebenmäßige Zähne.
Greyannah ließ sich auf dem Wannenrand nieder und brachte mit dem Zeigefinger ein paar duftende Seifenblasen zum Zerplatzen, die von der schaumbedeckten Wasseroberfläche aufstiegen. Vom Statthalter von Syrkun hätte man eigentlich erwartet, dass er zu jeder Tages- und Nachtzeit Uniform trug. Doch Vandriyan, der Greyannah nun schon so lange kannte, hatte ihn noch kein einziges Mal in der eleganten hellblau-silbernen Uniform von Syrkun gesehen. Der Statthalter schätzte seine Dienstkleidung nicht sehr. In der Schlacht wie im täglichen Leben wollte er immer seine Individualität wahren. Heute trug er beispielsweise ein ärmelloses, rostfarbenes Hemd und dazu eine schlichte Hose aus weichem kastanienbraunem Stoff. So erinnerte er mehr an einen sterblichen Köhler aus den Wäldern des Westens als an den vornehmen Kommandanten der Garnison der Ewigen.Vandriyan verkniff sich ein Lächeln. Greyannah hatte sich überhaupt nicht verändert.
»Also, alter Haudegen, was hast du mir zu erzählen?« Der Statthalter blies eine Seifenblase durch die Luft, bis sie zerplatzte, und lächelte noch breiter. »Es ist ja einige Zeit ins Land gegangen, seit ich dir deine Haut gerettet habe.«
»Wenn du so redest, könnte man glatt meinen, du hättest das gleich ein Dutzend Male getan«, bemerkte Vandriyan.
»Na ja, ist das vielleicht nicht so?« Greyannah lachte dröhnend laut. »Oder willst du es etwa abstreiten?«
»Nein, nein, auf keinen Fall«, beeilte sich der Hauptmann zu sagen. »Aber du musst doch wohl zugeben, dass ich in Dardamen eine sehr lange Friedenszeit heil überstanden habe, die weitaus gefährlicher war als alle Kriege Syrkuns zusammen.«
»Ich nehme erfreut zur Kenntnis, dass du in den langen Jahren der Reichsverweserei nicht untergegangen bist«, rief Greyannah aus. »Sonst hätte ich ja im nächsten Krieg niemanden mehr, dem ich das Leben retten könnte!«
»Und ich freue mich, dass du in den zweitausend Jahren Frieden nicht an Langeweile eingegangen bist«, gab Vandriyan zurück. »Was hat dich denn in dieser schlachtenlosen Zeit am Leben erhalten?«
»Na ja, die Hoffnung auf einen neuen Krieg, der schon von Anfang an verloren ist«, antwortete Greyannah leichthin, und seine Augen funkelten dazu. »Und eine tüchtige Prise Wahnsinn.«
»Dann muss ich ja wohl deinen Männern recht geben«, sagte Vandriyan. »Ich weiß nicht, ob dir bekannt ist, welche Gerüchte über dich in Umlauf sind, aber da draußen halten sie dich für verrückt.«
»Und damit liegen sie gar nicht mal so falsch«, sagte Greyannah und schob sich einen Zopf hinter sein spitzes Ohr. »Es kann gar nicht anders sein, ich muss vollkommen wahnsinnig sein, sonst hätte ich schon längst meinen Rücktritt eingereicht. Und was die Gerüchte über mich betrifft, da hast du bestimmt keine Ahnung, wie viele großartige Dinge man sich über mich erzählt:Wenn ich kurz zusammenfassen darf: Ich bin die Wiedergeburt von Lanyan Goldklinge und fest davon überzeugt, dass wir zu Zeiten des Großen Krieges gegen die Finsternis leben; ich spreche mit den Wänden der Festung und die antworten mir sogar; ich besitze ein Amulett, durch das ich unverwundbar bin; ich hatte eine heimliche Ehefrau, die von einem Sterblichen ermordet wurde... Und
schließlich zu guter Letzt: Ich bin schon mal gestorben und wieder auferstanden, es hat nur keiner mitbekommen.«
»Man muss schon zugeben, deine Leute haben Fantasie«, meinte Vandriyan dazu. »Und du bietest nun mal reichlich Stoff für Spekulationen.«
»Ach, das sind doch nur harmlose Gerüchte. Das ist ihre Art, mit der Langeweile fertig zu werden. Ich für meinen Teil entwerfe Strategien für Schlachten, zu denen es niemals kommt, und sie denken sich lustige Geschichtchen über mich aus.« Einen Moment verfiel er in Schweigen. »Weißt du, was das Witzigste ist, das sie sich erzählen? Dass Statthalter Greyannah, der arme Irre, glaubt, es könnte auch in der heutigen Zeit Helden geben, ruhmreiche Krieger wie die, die gegen die Finsternis gekämpft haben.Aber das ist doch völlig unmöglich! Helden in diesen Zeiten? Der arme Greyannah, jetzt ist er völlig übergeschnappt! Und weißt du, was das Allerbeste daran ist?«
»Nein, keine Ahnung, klär mich bitte auf!«
»Dass es stimmt. Ich bin wirklich der felsenfesten Überzeugung - und du kennst mich, wenn ich felsenfest sage, dann meine ich das auch -, dass es noch Helden gibt,
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