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Geschichte der russischen Revolution Bd.2 - Oktoberrevolution

Geschichte der russischen Revolution Bd.2 - Oktoberrevolution

Titel: Geschichte der russischen Revolution Bd.2 - Oktoberrevolution Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Leo Trotzki
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Versöhnler. Das konnte sich friedlich abspielen, durch einfache Entlassung der bürgerlichen Regierung, die sich durch den guten Willen der Versöhnler und die Reste des Vertrauens der Massen zu diesen hielt. Die Diktatur der Arbeiter und Soldaten war Tatsache seit dem 27. Februar. Aber Arbeiter und Soldaten legten sich über diese Tatsache nicht die nötige Rechenschaft ab. Sie vertrauten die Macht den Versöhnlern an, die ihrerseits diese der Bourgeoisie übergaben. Das Kalkül der Bol-schewiki auf eine friedliche Entwicklung der Revolution beruhte nicht darauf, daß die Bourgeoisie freiwillig die Macht den Arbeitern und Soldaten abtreten würde, sondern darauf, daß die Arbeiter und Soldaten rechtzeitig die Versöhnler hindern würden, der Bourgeoisie die Macht auszuliefern.
    Die Konzentrierung der Macht in den Sowjets unter dem Regime der Sowjetdemokratie hätte den Bolschewiki die volle Möglichkeit gegeben, die Mehrheit in den Sowjets zu werden und folglich auch eine Regierung auf der Basis ihres Programms zu schaffen. Ein bewaffneter Aufstand war für dieses Ziel nicht erforderlich. Die Ablösung der Parteien an der Macht hätte sich auf friedlichem Wege vollziehen können. Alle Bemühungen der Partei waren von April bis Juli darauf gerichtet, der Revolution durch die Sowjets eine friedliche Entwicklung zu sichern. "Geduldig aufklären" - das war der Schlüssel der bolschewistischen Politik.
    Die Julitage veränderten die Lage radikal. Von den Sowjets ging die Macht in die Hände militärischer Cliquen über, die sich mit den Kadetten und Gesandtschaften verbanden und Kerenski nur als demokratisches Aushängeschild, bis zur gelegenen Zeit, duldeten. Wäre es dem Exekutivkomitee jetzt eingefallen, einen Beschluß zu fassen über den Übergang der Macht in seine Hände, das Resultat wäre ein ganz anderes gewesen als drei Tage zuvor: in das Taurische Palais wäre wahrscheinlich ein Kosakenregiment zusammen mit den Junkerschulen eingerückt und hätte einfach versucht, die "Usurpatoren" zu verhaften. Die Losung "alle Macht den Sowjets" setzte von nun an den bewaffneten Aufstand gegen die Regierung und die hinter ihrem Rücken stehenden Militärcliquen voraus. Aber einen Aufstand im Namen der Macht der Sowjets zu proklamieren, die diese Macht nicht wollten, wäre offensichtlicher Unsinn gewesen.
    Andererseits war es von nun an zweifelhaft - manche meinten sogar wenig wahrscheinlich -, ob die Bolschewiki durch friedliche Neuwahlen die Mehrheit in diesen machtlosen Sowjets erobern könnten: indem sie sich durch die Juliniederschlagung der Arbeiter und Bauern gebunden hatten, würden die Menschewiki und Sozialrevolutionäre selbstverständlich auch fernerhin alle Gewalttaten gegen die Bolschewiki decken Versöhnlerisch bleibend, müßten sich die Sowjets in eine willenlose Opposition der konterrevolutionären Regierung verwandeln, um bald ihr Dasein überhaupt auszuhauchen.
    Von einem friedlichen Übergang der Macht in die Hände des Proletariats konnte unter diesen Umständen nicht mehr die Rede sein. Für die bolschewistische Partei bedeutete das: sich vorzubereiten auf den bewaffneten Aufstand. Unter welcher Parole? Unter der offenen Parole der Machteroberung durch das Proletariat und die Bauernarmut. Man muß die revolutionäre Aufgabe in ihrer unverhüllten Form stellen. Aus der zweideutigen Sowjetform den Klasseninhalt freimachen. Das ist kein Verzicht auf die Sowjets als solche. Nach der Machteroberung wird das Proletariat den Staat nach dem Sowjettypus organisieren müssen. Doch werden dies andere Sowjets sein, die eine der Schutzfunktion der Versöhnlersowjets direkt entgegengesetzte historische Arbeit erfüllen.
    "Die Losung des Überganges der Macht an die Sowjets", schrieb Lenin unter dem ersten Dröhnen der Hetze und Verleumdung, "würde jetzt wie Donquichotterie oder Hohn klingen. Diese Losung wäre objektiv Volksbetrug, Suggerie-rung der Illusion, als genüge es auch jetzt noch, daß die Sowjets die Machtübernahme wünschen oder diese beschließen, um die Macht zu erhalten, - als seien im Sowjet noch Parteien, die sich nicht durch Henkerdienste befleckt hätten, - als könne man das Geschehene ungeschehen machen."
    Auf die Forderung des Überganges der Macht an die Sowjets verzichten? Im ersten Moment verblüffte dieser Gedanke die Partei, richtiger gesagt, ihre agitatorischen Kader, die im Laufe der vorangegangenen drei Monate mit dieser populären Losung derart verwachsen waren, daß sie fast den

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