Gottes Tochter
Unglück.«
Er hörte ihre Stimme, verstand aber nichts, weil Julika ins Kopfkissen redete.
»Was?«, sagte er. »Was ist?«
Mit einem Ruck drehte sie den Kopf. »Ihr Name ist Annalena!«, sagte sie mit gepresster Stimme, sah ihm, wie er fand, unfassbar traurig in die Augen und vergrub ihr Gesicht wieder im Kissen.
»Annalena«, sagte er, als habe ihre Stimme in seinem Kopf ein ebenso unfassbar trauriges Echo entfacht.
Marlen Keel hatte das Haus noch keine zehn Minuten verlassen, als es klingelte. Rico, der die ganze Nacht über wach gelegen und gerade eine Tasse Kaffee getrunken hatte, ging zur Tür, während Julika in der Küche sitzen blieb, den Kopf in die Hände gestützt, verstört von wirren Träumen, deren Bilder eine klamme Furcht zurückließen wie eine Eisschicht in ihrem Gehirn.
Rico öffnete die Tür und spürte sofort die Hand in seinen Haaren. Jemand zerrte ihn in den Hausflur, stieß ihn die Treppe hinunter und packte ihn im Genick. Jemand anderes betrat die Wohnung und schloss die Tür hinter sich. Als er den Angreifer erkannte, tropfte schon Blut aus seiner Nase.
Juri hatte ihm in kurzen Abständen mitten ins Gesicht geschlagen. Rico sackte zu Boden. Wieder packte Juri ihn an den Haaren und stemmte ihn in die Höhe.
»Du hast sie da unten verrecken lassen, wegen dir ist sie tot!«
Rico roch den Alkohol. Juri redete, als wäre er heiser. Dann schlug er wieder zu, wieder auf die Nase. Rico schluckte Blut.
»Und deine Westschlampe hat ihr nicht geholfen! Glaubst du, du kannst jetzt reden? Mit den Bullen? Mit dieser Staatsanwältin?«
Rico versuchte den Kopf zu schütteln. Da schoss Juris Stirn auf ihn zu und traf sein Nasenbein. So einen Schmerz hatte er noch nie verspürt. Er dachte, er würde auf der Stelle ersticken. Er rang nach Luft und schluckte mehr Blut. Seine Beine knickten ein. Juri packte ihn an den Haaren und warf seinen Kopf hin und her, unaufhörlich.
»Ein Wort, und du bist so tot wie Ale! Du hast sie da unten nicht rausgeholt! Du hast gewusst, dass sie im Klo ist! Du hast sie gesehen, und deine Alte hat sogar mit ihr gequatscht!« Juri schlug Ricos Kopf gegen die Wand.
Im ersten Stock wurde eine Tür geöffnet. Eine Frau beugte sich übers Geländer. Juri warf ihr einen Blick zu, und die Frau ging zurück in die Wohnung.
»Ein Wort, und du bist ein Unglücksfall! Bei den Bullen sagst du, dass Ale so scheißbesoffen war, dass sie nichts mehr mitgekriegt hat, verstanden? Die wollen mich wieder drankriegen! Sie hat freiwillig gesoffen, und du wirst das bestätigen. Verstanden? Hast du das verstanden?« Er schlug Ricos Kopf in kurzen Abständen gegen die Wand wie einen Fußball.
»Die wollen mir das anhängen, und die Staatsanwältin hat auch schon angerufen, heut Morgen! Die wusste schon, was passiert ist, die wusste alles! Und die reimt sich jetzt was zusammen, die ist hinter mir her! Die ist auch aus dem Westen, wie deine Schlampe!« Er gab ihm eine Ohrfeige. Dann packte er ihn an den Ohren und schleuderte ihn in die Ecke. Rico brachte keinen Ton heraus, nicht einmal ein Wimmern, sehen konnte er nichts. Juris Worte steckten in seinen Ohren wie Zecken.
Starr stand Steffen im Türrahmen der Küche. Er trug einen schwarzen langen Mantel und die Stiefel, die Julika schon gestern an ihm gesehen hatte. Sie war aufgestanden. Sie hatte dieselben Sachen an wie in der Nacht, Marlens Wollrock und Pullover.
»Hau ab!«, sagte sie. Sie überlegte, wie sie die Schublade erreichen könnte, in der die Messer lagen. Steffen sagte nichts. Die Hände hielt er hinter den Rücken, mit seiner bulligen Gestalt füllte er fast den Türrahmen aus. Auf seiner Stirn glänzten Schweißtropfen. Julika roch Alkohol und Zigarettenrauch.
»Wo ist Rico?«, fragte sie.
Sie bekam keine Antwort. Steffen glotzte ihr abwechselnd auf die Brust und zwischen die Beine.
»Hau ab!«, schrie sie. Er schien sie nicht zu hören. Daran, das Fenster zu öffnen und um Hilfe zu rufen, dachte sie nicht. Stattdessen machte sie einen Schritt auf die Ablage zu, wie auf ein Zeichen hin, und sie wunderte sich kurz. Dann zog sie die Schublade auf und nahm das Brotmesser heraus. Sie hob die Hand und zeigte mit der Spitze des Messers auf Steffens Gesicht. Unverändert, als wäre er hypnotisiert, stierte er ihr auf die Brust und zwischen die Beine.
An das, was mit ihr geschehen würde, wenn sie ihn verfehlte, verschwendete sie keinen Gedanken. Sie stürzte sich auf ihn, das Messer in der erhobenen Hand, und bemerkte noch, wie
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