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Grenzland Europa: Unterwegs auf einem neuen Kontinent (German Edition)

Grenzland Europa: Unterwegs auf einem neuen Kontinent (German Edition)

Titel: Grenzland Europa: Unterwegs auf einem neuen Kontinent (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Karl Schlögel
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miteinander leben zu können glaubten, ohne sich gegenseitig zu vernichten.« 4 Man könnte dem, wie übrigens auch der »Charta der deutschen Heimatvertriebenen« von Stuttgart 1950, zustimmen, wenn darin nicht die identifizierbaren Größen so verwischt wären: die Europäer, die europäischen Völker usf. Es gibt Formen der rhetorischen Dramatisierung, die eine Sache nicht zuspitzen und klären, sondern unsichtbar werden lassen: Was ist gemeint, wer, wann, wo?
    Wenn ich von Europäisierung spreche, dann in einem strengen Sinne: dass Umsiedlungen und Vertreibungen als Praktiken im Europa des 20. Jahrhunderts in ihrem Zusammenhang und in ihrem Wechselspiel rekonstruiert und vergegenwärtigt werden. Es ist begreiflich, dass Traumatisierte sich zunächst um ihre eigene, sie unmittelbar verletzende Erfahrung kümmern; und es gilt für Menschengruppen, was wohl auch für Individuen gilt: dass Vorstellungskraft, Mitempfinden-Können durchaus begrenzt sind und dass man sich nicht um alles und alle in gleicher Weise und mit gleicher Intensität kümmern kann. Der ideelle gesamteuropäische Vertriebene ist ein Phantom, wenngleich es Vertriebene überall in Europa und unter allen Nationen und Volksgruppen gegeben hat. Der Vertriebene hat ein nationales, ein religiöses, ein soziales Gesicht.
    Vertreibung ist eine massenhaft gemachte europäische Erfahrung, daran kann gar kein Zweifel bestehen. Die Zwangswanderungen in der Weltkriegsepoche haben an die 40 bis 60 Millionen Menschen in Europa erfasst. Es handelt sich um eine in den individuellen und kollektiven Lebenshorizont eingegangene Erfahrung von mehreren Generationen. Das Erstaunliche ist, dass die Vergegenwärtigung dieser europäischen Tatsache offenbar kein starkes Bedürfnis war. Es gibt nur eine Handvoll Publikationen zum Gesamtphänomen, die berühmtesten davon sind die Arbeiten von Eugene Kulischer, Joseph Schechtman und – freilich in kleinerem und anderem Format – Gotthold Rhode. Einen wichtigen Vorstoß, den Gesamtzusammenhang der »Völkerverschiebung« zu denken, verdanken wir Götz Aly. Eine gedrängte Zusammenfassung, die die Dimension der Vorgänge sichtbar macht, ist jetzt in der Geschichte der europäischen Migration bei Klaus Bade zu finden. 5
    Es ist klar, dass Umsiedlung und Vertreibung keine peripheren, marginalen, keine Randerscheinungen waren; es ist klar, dass sie zentral für das Leben im Europa des 20. Jahrhunderts waren, sozusagen ein Herz der Finsternis unserer Zivilisation. Ein europäisches Phänomen ist der Vertreibungskomplex nicht nur, weil er fast überall in Europa zu beobachten war, sondern weil er mit der modernen europäischen Kultur untrennbar verknüpft ist:
    Die Massentransfers, Massenwanderungen, Umsiedlungen, Vertreibungen waren verbunden mit dem modernen Krieg, mit der Weltkriegsepoche. Im großen Stil setzten sie ein mit den Mobilmachungen, Frontverläufen, Evakuierungen, Verdächtigungen und Ausschließungen im Verlauf des Ersten Weltkrieges. Sie haben die Erfahrung des Imperialismus und Rassismus zur Voraussetzung; sie stellen die Einwanderung der kolonialen Erfahrung von der Peripherie ins Zentrum dar, wie es Hannah Arendt einmal beschrieben hat an der Stelle, wo von der Aushöhlung des modernen Nationalstaates durch den rassistischen Imperialismus die Rede ist. Was an der Peripherie üblich und erprobt war, kehrte nach Europa zurück: die koloniale Erfahrung.
    Umsiedlung und Vertreibung von sozialen und ethnischen Großgruppen setzt ihre Machbarkeit voraus: Man musste die Kapazität des Aussonderns, des Sortierens, des Zählens, des Wegbewegens, des Deportierens und letztlich auch des Vernichtens haben; nur moderne Staaten mit effektiven Bürokratien und fähiger Logistik waren zu solchen Operationen imstande. Zwergstaaten machen keinen »Generalplan Ost«. Auschwitz ist, wie Raul Hilberg und andere gezeigt haben, die Hauptstadt eines Großraums mit moderner Infrastruktur: Eisenbahnnetzen, verlässlichen Fahr- und Frachtplänen, Arbeitsorganisation, Buchführung und Statistik. Millionen können in Nacht- und Nebelaktionen nur wegbewegt werden, wenn alles dazu vorhanden ist – einschließlich einer intakten Eisenbahn.
    Sie setzten die Verallgemeinerung einer Vorstellung voraus, die unter den vorsintflutlichen Verhältnissen von Reichen und Reichskonglomeraten ganz undenkbar war: den modernen National- und Territorialstaat mit genauen Grenzen und verwaltungsmäßig durchherrschtem und ethnisch homogenem Territorium. Es

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