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Größenwahn

Größenwahn

Titel: Größenwahn Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Karl Bleibtreu
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auf, Bellerophon! Mag's droben blitzen!
    Die Sonne blendet nicht, die sicher sitzen!
     
    Dies Bildniß ist nicht zeitgemäß. Es wäre
    Moderner der Vergleich wohl mit Raketen,
    Zerplatzend, während sie im Aethermeere
    Aufsegelnd schon den Wolken-Kreis betreten.
    Oder mit Luft-Ballons, die man beschwere
    Mit tüchtigem Ballast nur, sonst gehn wir flöten.
    Pfeilschnell geht's in den stickstofflosen Aether.
    Die Stoffbeherrschung weicht, die Sinne später.
     
    Die Blase platzt und mit verrenkten Beinen
    Zur Muttererde purzeln wir. Noch neuer
    Und zeitgemäßer mag das Luftschiff scheinen.
    Dies »Hölzerne Pferd«, gleich Iliums Bedräuer,
    In dem sich Holz und Stahl und Dampf vereinen,
    Mit einem Schwanz von Kohlenrauch und Feuer.
    Fünftausend Pferdekraft hat sein Gestampf.
    Poeten lieben blauen Dunst, o Dampf.
     
    Nur Opium ist unsre Phantasie:
    Entzücken erst und herrliche Gesichte,
    Dann Mattigkeit und Angst. Die Poesie
    Hebt uns empor, doch bleierne Gewichte
    Ziehn uns zum Staub. Wir nähren in uns nie
    Das Göttliche und streben auf zum Lichte,
    Ohne ins Thierische uns zu verirren,
    Weil Ideal und Sinne sich verwirren.
     
    Den Geist der Alten hat die Welt verloren.
    Cäsar wird als Napoleon geboren.
    Wo Cincinnat? Nur Washington und Pitt
    Noch widerhallen den Heroenschritt.
    O bei den Heiligen von Marathon
    Schlief gern auch ich, der spätgeborne Sohn!
     
    Zerschmettert sind des Parthenon Gebilde,
    Athene schwingt nicht mehr den goldnen Speer.
    Doch ob das Gold verblich auf ihrem Schilde,
    Noch rollt, vom Golde ihrer Weisheit schwer,
    Durch der Geschichte sagenhaft Gefilde
    Die alte Musenquelle zu uns her.
     
    O Salamis, wo in der Meeresgrotte
    Zugleich Euripides zur Welt gebracht,
    Als Aeschylos durchbrach der Perser Rotte,
    Der seine Stoffe suchte in der Schlacht!
    Als Pindars Hymne, der beseelt vom Gotte,
    Weil ihn Corinna's Weihekuß entfacht,
    Dem Munde eines Sophokles entstieg,
    Das Tropaion umtanzend nach dem Sieg!
     
    O könnt' ich in ein einzig Wort ergießen
    Doch meinen ganzen Haß und wär's ein Blitz!
    Er sollte mir vernichtend niederschießen,
    Sei nun sein Strahl Begeistrung oder Witz.
    Wenn fest sich auch des Wahnes Pforten schließen
    Und unerschüttert der Tyrannen Sitz,
    Der Donner rollt, da hilft kein Blitzableiter
    Des Vorurtheils – die Flamme lodert weiter.
     
    O könnte doch mein Ekel und mein Zorn
    Ausbersten, wie ein Aetna-Feuerfluß,
    Wenn gleich sich aus der Galle bitterm Born
    Die Lavaschlacke damit mischen muß!
    Aus meinen Wunden zög' ich jeden Dorn
    Und spitzte ihn als Liederpfeil! Zum Schluß
    In meines Grimmes Acheron mich taucht' ich
    Und, so gefeit, kein weitres Rüstzeug braucht' ich!
     
    Ha, diese giftgetränkten Liederpfeile
    Nach Kronen schöß' ich sie und Pfaffenglatzen!
    Ich schleuderte sie mit des Blitzes Eile!
    Ich peitschte sie auf freche Schergenfratzen!
    Wie Feuerruthen! hiebe sie als Beile
    In manch geheiligt Bollwerk, würd' die Tatzen
    Der herrschenden Gewalt damit beschneiden,
    Seciren in des Staates Eingeweiden!
     
    Ich schwänge sie als zischend Henkereisen,
    Auf Höflingsstirnen Brandmale zu drücken!
    Bald nahte ich mit Tritten, schleichend-leisen,
    Und höhnte ihre Willkür hinterm Rücken!
    Bald würde ich als Löwe mich erweisen
    Und brüllen, bis sich die Pagoden bücken,
    Der Sündfluth Herold! Ach, Phantome nur!
    Denn wir besitzen eine Preßcensur.
     
    »Nur dreißig Jahre Preßfreiheit« erklärte
    Für nöthig man, den Klerus zu besiegen.
    Ich wollt', daß man uns nur ein Jahr gewährte.
    Nicht, weil wir zweifeln dennoch zu erliegen,
    (Denn stets das Kreuz Aposteln man bescheerte)
    Nein, nur uns zu persönlichem Vergnügen,
    Um unsern Abscheu völlig auszuschrei'n
    Mit Worten, dauernder als Erz und Stein.
     
    Ja wahrlich, Steine möchte man empören,
    Doch besser ist's, die Steine aufzuheben,
    Damit's die gähnenden Tyrannen hören,
    Die der Lectüre wenig sich ergeben.
    Doch wenn die Fenster klirren, wollt' ich schwören,
    Daß ihre Taubheit man curirt fürs Leben!
    Nach Plötzensee schickt man die lästige Wahrheit,
    Doch nur Kanonen bringen hier uns Klarheit.
     
    »Verirrter Jüngling! Dynamit-Sprengler!« rief Feichseler. »Aber man sieht doch wo und wie! Und dazu ist dieser Buchsbaum ein sehr bescheidener Mensch, der nicht an Größenwahn leidet wie die Andern.«
    Hier schnitten Lämmerschreyer und Luckner, die den Jüngling kannten, freilich eine sonderbare Grimasse. Aber Feichseler bot sofort einen Beweis, vor dem alles

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