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Grün war die Hoffnung

Grün war die Hoffnung

Titel: Grün war die Hoffnung Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: T.C. Boyle
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aus, sogar zum Husten sind sie zu depressiv, geschweige denn daß sie brüllen, und Buttercup scheint die meisten ihrer Reißzähne verloren zu haben, was das Kauen der nur teilweise aufgetauten Rippenstücke zu einer echten Strapaze macht –, deshalb bin ich fest entschlossen, sie als erste zu versorgen. Außerdem sind sie die gefährlichsten unserer Mitbewohner (mit Ausnahme von Andrea vielleicht, aber was beklag ich mich?), und obwohl wir die Türen verbarrikadiert und alle nur erdenklichen Vorsichtsmaßnahmen ergriffen haben, stelle ich mir nur unter Schaudern vor, was passieren würde, wenn einer sich befreien könnte.
    So ist das also: die Sonne steht hoch oben am Himmel, und ich bin hier unten und denke über Löwen nach, der Wind aus Südosten trägt einen Hauch heran, der, wenn nicht nach Erlösung, so doch nach Erneuerung duftet – ist nicht auch bald Ostern? –, da höre ich Andrea meinen Namen rufen. Das ist an sich bereits bemerkenswert, denn bis Mittag haben wir noch volle vier Stunden und so früh ist sie noch nie aufgestanden, seitdem sie sich im November erneut in mein verpfuschtes Leben eingebaut hat. Sie trägt ein weißes, fließendes Kleid, tief ausgeschnitten, und ein halbes Dutzend Ketten mit bunten Perlen, was einen an die Hippiezeiten zurückdenken läßt, sie hebt den Saum des Kleides, um es vor dem Schlamm zu schützen, und bewegt sich in ihren Gummistiefeln mit einer Leichtigkeit und Grazie, wie man sie von einer alten Dame nicht erwarten würde. Ich sehe ihr zu, wie sie vorsichtig auf mich zustapft, und ich weiß, daß ich eine ziemlich ergriffene Miene aufgesetzt habe (einen Moment lang bin ich mir gar nicht sicher, wer ich bin oder in welchem Leben), dann sehe ich ihren Mund sich bewegen, bemerke den Lippenstift und höre sie sagen: »Also hier bist du.«
    Ich hebe einen meiner Stiefel aus dem Matsch und deute darauf: »Ich schreite gerade das neue Gehege für die Löwen ab.«
    Sie hält eine Hand vor die Stirn und schirmt die Augen vor der Sonne ab. »Hast du an Sonnencreme gedacht?« Und ehe ich antworten kann: »Einen Hut solltest du auch aufsetzen. Wie viele Karzinome hast du dir schon wegoperieren lassen – waren’s zweiundzwanzig oder fünfundzwanzig?«
    Andrea trägt übrigens keine Atemmaske, und ich auch nicht. Ebensowenig Mac und Chuy und April Wind und alle anderen im Haus. Mit diesem Schwachsinn haben wir schon im Januar aufgehört, als man uns in der Glotze mitteilte, daß die Mucosapanik genau das gewesen war – eine Panik. Offenbar hatte es an der Ostküste einen lokalisierten Ausbruch einer neuen und besonders virulenten Form der normalen Erkältung gegeben (Menschen starben daran, meist die Altalten, aber trotzdem handelte es sich nur um eine Erkältung), und eine gewisse Hysterie war wohl unvermeidlich. Mac bestand auf der Weiterführung der Charade für ein bis zwei Wochen, auch nachdem die Meldung bestätigt wurde, aber es erleichterte uns alle doch sehr, als er eines Tages zum Mittagessen erschien und seine Nase und die schmalen, blassen lachsfarbenen Lippen zu sehen waren. Ich erinnere mich noch an das Gefühl der Befreiung, als ich die müffelnde Maske abwarf und meinen Zahnersatz in einen fetten, leckeren Chili-Käse-Burrito schlug, ohne mich darum sorgen zu müssen, ob ich bei jedem zweiten Bissen Gaze im Mund hatte.
    »Bist du rausgekommen, um mir das zu erzählen?« frage ich, und ich bin genervt, ein bißchen jedenfalls, weil ich weiß, daß sie recht hat.
    »Nein«, und ihre Stimme klingt zärtlich, während sie mit patschenden Stiefeln zu mir tritt und die großen Arme um mich schlingt, »ich wollte dir nur sagen, daß es heute Eier zum Frühstück gibt.«
    »Eier?« Seit das Unwetter anfing, haben wir nichts mehr gegessen, was auch nur entfernt an Eier erinnerte, und vergiß das Cholesterin, ich stelle mir ein knusprig-goldenes Drei-Eier-Omelett auf dem Teller vor – oder nein, ich nehme meine Ration lieber pochiert und etwas flüssig, damit ich die Eier wirklich schmecke. »Wo hast du die denn her?«
    Sie tritt ein Stück zurück und grinst mich verschmitzt an, dann hebt sie das Kinn macht eine Kopfbewegung in Richtung der Apartmentruinen. Die beiden Gebäude, die im November einstürzten, sind über den Winter allmählich im Schlamm versunken, ein Gewirr von ausgeweideten Sofas, kaputten Trainingsgeräten und Videoequipment liegt am anderen Ufer unter der grellen Sonne. »Der gute alte Tauschhandel«, sagt sie. »Da drüben gibt’s einen Jungen

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