Himmel über Tasmanien
in die Sonne, während sie überlegte, wohin sie gehen sollte. Sie brauchte die Bewegung nach der Seefahrt sowie eine Pause von Dollys ständigem Gemecker, und da sie keine Lust hatte, sich an ihrem ersten Tag im Busch zu verirren, ging sie zunächst am Flussufer entlang und dann zurück zu den Ställen. Den lebenden Ocean Child zu skizzieren war einfach zu verlockend.
Zwischen den Bäumen war es friedlich, nur Vogelgesang und das Plätschern des Flusses begleiteten sie. Ihre Stiefel traten auf Kiefernnadeln und Eukalyptusblätter, zerbrachen Zweige und streiften an Farnen entlang, was die angenehmeren Erinnerungen an ihre Kindheit wachrief. Sie war mit den Geräuschen von Kookaburras und Glockenvögeln aufgewachsen, mit den Gerüchen von Akazien, Kiefern und Pferden – und hier, in dieser stillen Ecke auf Joes Anwesen, konnte sie beinahe glauben, dass sie zurückgekehrt war.
Das kleine Haus am Meer war innen düster gewesen und selbst an den heißesten Tagen kühl, das wusste sie noch. Fast gänzlich von Außengebäuden und Stallungen umgeben hatte es mitten auf einem weitläufigen Grundstück gestanden, das aus Buschland und Koppeln bestand. Kleine Bäche, die aus den fernen Bergen kamen und in Richtung der nahegelegenen Küste der Bass Strait plätscherten, durchzogen die Weiden und bewässerten sie, und im Winter war das Zischenund Krachen des Meeres hinter dem Buschland ihr Schlaflied gewesen.
Lulu blieb einen Augenblick stehen, atmete die erinnerungsträchtigen Düfte von warmer Erde und frisch gemähtem Gras ein und schaute sich um. In der Umgebung des Hauses ihrer Kindheit hatte es keine Berge gegeben, nur blaue Kleckse in der Ferne – aber hier ragten sie in Wogen aus dem Tal auf, ihre Gipfel flimmerten in der Nachmittagssonne. An diesem majestätischen Platz zu stehen war äußerst betörend, wie auch sich als ein Teil all dessen zu fühlen, obwohl sie noch nie zuvor hier gewesen war.
Mit einem wohligen Seufzer schaute sie von den Bergen zum schnell fließenden Fluss hinüber. War er auf dem Weg zum Meer – zu dem Strand, an dem sie vor all den Jahren Zuflucht gefunden hatte? Sie schlang sich den Pullover locker um die Taille und setzte ihren Spaziergang fort, wobei unwillkürlich auch dunklere Erinnerungen hochkamen. Mit zwei Schlafzimmern, einer Küche und einem Wohnzimmer war das Haus zu klein gewesen, um den Spannungen, die darin herrschten, zu entkommen, und sie schauderte, als ihr die Szenen einfielen, die sie dort mit angesehen hatte.
Entschieden schüttelte sie den Kopf und verscheuchte die Gedanken. Es war weder die Zeit noch der Ort, um sich an dieses Elend zu erinnern – an Gwens siedenden Hass. Es war die Zeit, sich über ihre Heimkehr zu freuen – und doch wurde sie den Verdacht nicht los, dass das mysteriöse Geschenk des Pferdes irgendwie mit jenen dunkleren Tagen verbunden war.
Als sie aus dem Schutz des Busches trat, wünschte sie sich, sie hätte einen Hut aufgesetzt. Die Sonne war ziemlich stark, das außergewöhnliche Licht so klar, dass es sie beinahe blendete, während sie zielstrebig über die Lichtung stapfte. Der lange Anstieg den Hügel hinauf ließ ihr Herz hämmern, Schweiß rann ihr über den Rücken, und sie musste stehen bleiben, umAtem zu schöpfen. Sie sank ins Gras, fächerte sich mit dem Skizzenbuch Luft zu und genoss die Aussicht.
Sie war fast oben angelangt. Dort lagen das Gehöft und die Stallungen mitten auf einem breiten, flachen Stück Land. Hinter dem Hof, neben der Koppel, befanden sich ein Übungsplatz und eine weitere Koppel, auf der eine Reihe Hindernisse verteilt war. Dort absolvierte Ocean Child ohne Zweifel die meisten Trainingsstunden. Sie lehnte sich zurück auf die Ellenbogen und schloss die Augen, schwelgte in der Wärme der Sonne auf ihrem Gesicht, während eine leichte Brise ihr Haar zerzauste.
Als ihr Herz wieder ruhiger schlug, kehrte ihre Rastlosigkeit zurück. Sie verschwendete Zeit. Lulu nahm ihr Skizzenbuch, stieg langsam auf den Hügel und machte sich auf den Weg zur Auslaufkoppel. Da niemand in der Nähe war, kletterte sie über das Gatter und steuerte eine Baumgruppe in der Mitte an.
Ocean Child weidete in dem hohen Gras auf der anderen Seite der Koppel und schaute neugierig zu ihr herüber, als sie sich mit dem Rücken an einen Baum lehnte und ihr Skizzenbuch aufschlug. Lächelnd betrachtete sie ihn. Er war älter und größer als ihre Skulptur in England, seine Muskeln traten deutlicher hervor, doch der Eindruck gezügelter
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